Tag 104: Selbstregulation

Im Zuge von Debatten, die wohl vorläufig nie an Aktualität einbüßen werden, habe ich mir Gedanken über meine eigene Fähigkeit zur Selbstregulation gemacht, aus meiner Erinnerung als Kind bis heute.

Schlaf

Als Baby musste ich bereits allein schlafen. Das war damals Usus und offenbar (wenn man den Erzählungen meiner Eltern glaubt) kam ich nicht allzu schlecht damit zurecht. Ich war ein Kind, das im Verhältnis zu meinen Altersgenossen recht spät ins Bett durfte. Meine Eltern wachten auch eher halbherzig darüber, ob ich einschlief und ich schlief, so lange ich mich erinnere, spät ein. Und ich erinnere mich, dass ich häufig müde und erschöpft war.

Ich komme bis heute nur schwer zur Ruhe und habe wenig Disziplin darauf zu achten, dass ich genug Schlaf bekomme. Man kann also kaum behaupten, dass die große Freiheit zur Selbstregulation, die meine Eltern mir gelassen haben, von einem gesunden Ergebnis in meinem Erwachsenenleben gekrönt war. Etliche meiner Freundinnen und Freunde, die bezüglich der Bett- und Schlafenszeiten strengere Eltern hatten, achten heute besser auf sich. Herr Uiuiui hatte ebenfalls Eltern, die nicht groß auf das geachtet haben, was man heute auch als „Schlafhygiene“ bezeichnet und sind viel auf die Wünsche ihrer Kinder bezüglich späteres zu Bett gehen eingegangen. Sie haben das wirklich aus dem Prinzip der Bedürfnisorientierung heraus gemacht und die Kinder dabei viel ins Einschlafen begleitet, es war also Freiheit ohne Alleinlassen, anders als bei mir. Herr Uiuiui hat aber nie einen festen Schlafrhythmus gefunden, woran auch immer das liegt, praktisch und gesundheitsfördernd ist es nicht.

Aus dieser Vorgeschichte heraus war es mir immer wichtig mein Kind nicht allein zu lassen in der Regulation des Schlafs. Mein Kind soll nicht allein einschlafen müssen, wenn es das nicht möchte. Und mein Kind soll nicht selbst die Verantwortung dafür tragen, dass es genug Schlaf bekommt, wenn es das noch nicht kann. Deshalb haben wir selbstreguliertes Schlafen zwar immer wieder eine Chance gegeben, aber es abgebrochen, sobald klar wurde, dass das Kind allein nicht in einen Rhythmus findet, indem sein Schlafbedürfnis gedeckt wird.

Ich bin froh, dass wir im Moment eine Lösung gefunden haben, die dem Kind gut tut. Aber obwohl es schon fünf ist, braucht es sehr viel Unterstützung dabei den Schlaf zu regulieren und durchaus auch Strenge, indem wir momentane Wünsche als weniger wichtig einstufen, als das Bedürfnis nach Schlaf. Ich hoffe nun, dass dieser Rhythmus und das Achten auf sich selbst im Laufe der Zeit verinnerlicht wird, so dass das Kind später zur Selbstregulation fähig ist.

Natürlich gibt es viele Leute, die finden ein fünfjähriges Kind sollte (a) im eigenen Bett schlafen und (b) allein einschlafen können. Beides ist noch nicht der Fall bei uns. Ich wüsste auch nicht, wie ich das forcieren könnte, ohne unseren Bedürfnissen nach Schlaf, Nähe und Ruhe dabei zu schaden. Das Kind zeigt bereits Interesse daran im eigenen Bett zu schlafen, traut es sich aber noch nicht zu. Aber immerhin ist es schon ein Ziel im Leben des Kindes. Das allein Einschlafen ist dagegen für’s Kind noch kein Ziel.

Kleidung

Ich kann mit ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass die Wärme- und Kälteregulation durch Kleidung irgendwie biologisch veranlagt ist. Mein Hund kann sein Fell reflexhaft sträuben, wenn ihm kalt ist und hechelt ab, wenn ihm zu heiß ist. Wir Menschen schwitzen und zittern reflexhaft zur Regulation unserer Körpertemperatur. Aber wie wir mit Kleidung unsere Körpertemperatur stützen, das müssen wir lernen. Ich war darin als Kind nicht gut. Ich brauchte locker bis Mitte Zwanzig, bis ich gut und sicher auf meinen Körper geachtet habe. Wie oft bin ich schon in der Grundschule zu dünn gekleidet unterwegs gewesen, weil es mir wichtiger war „chic“ zu sein. Und ja, ich hab dabei gefrohren. Aber bis ich wirklich auch in meinem Körperempfinden begriffen habe, dass ich krank werde, wenn mir längere Zeit etwas kalt ist (nicht erbärmlich zitternd erfrierend kalt, sondern so, dass ich es durchaus noch als erträglich, wenn auch unangenehm empfand), das hat gedauert, lange gedauert. Besonders am Kopf und am Hals darf ich nicht kalt werden. Das hat mir dieses Jahr im überraschend kalten Dänemarkurlaub wieder einmal eine Nebenhöhlenentzündung eingebracht. (Ja, ich weiß, dass Viren und Bakterien krank machen, bitte keine Belehrungen zu diesem Thema, ich mag nicht so erscheinen, aber ich informiere mich und ja, auch zu medizinischen Themen.)

Ich weiß natürlich, dass andere Menschen ganz anders verstoffwechseln und ein besseres Immunsystem haben, als ich. Die erst bei Minustemperaturen einen Pulli anziehen und trotzdem nie krank sind. Das freut mich auch sehr für diese Menschen, aber bei mir ist es nunmal nicht so. Und obwohl mein Kind viel weniger empfindlich gegenüber Kälte ist, so kann es doch noch nicht zuverlässig darauf achten, dass es nicht kalt wird. Grade der Wechsel zwischen Wärme und Kälte ist extrem schwierig zu managen.

Beispiel: Eine Bahnfahrt im Winter zur Arbeit

Ich gehe aus dem Haus und zu Fuß zum Bahnhof. Da ich schnell gehe, komme ich in der dicken Winterjacke schnell ins Schwitzen. Am Bahnhof muss ich warten. Es ist extrem kalt und zugig. Der Zug kommt und ich steige ein. Es ist voll und sehr warm. Überall husten und niesen Leute (Stichwort: Krank wird man nicht durch Kälte, sondern durch Viren und Bakterien!) Am Ziel angekommen wieder der zugige Bahnhof, schnell zur U-Bahn rennen, dabei wieder schwitzen. In der U-Bahn ist es wieder warm. Vor Ort muss ich dann wieder in der Kälte zur Arbeit laufen.

Um dabei die Temperatur zu managen, lasse ich die Jacke offen, während ich schnell zu Fuß unterwegs bin. Stehe ich in der Kälte, mache ich die Jacke zu. In Bahn und U-Bahn ziehe ich die Jacke sofort aus, damit ich nicht schwitze. Wenn es sehr kalt ist, habe ich zusätzlich noch eine extra Wolljacke dabei, die ich zusätzlich im Bahnhof anziehe, während ich warten muss.

Ich weiß nicht, wie viele Kinder diesen Vorgang selbst managen können. Mein Kind kann es nicht. Also unterstütze ich es dabei. Im Zweifel fühle ich am Nacken, wie warm das Kind ist. Manchmal gibt es deshalb Konflikte. Ich zwinge das Kind natürlich nicht in oder aus Kleidung, aber wenn ich merke, dass das Kind friert oder stark schwitzt und dafür aber das Spiel nicht unterbrechen möchte, bleibe ich hart und auch am Ball. Das gibt zwar schonmal einen kurzen Wutanfall, später ist es dann aber zufrieden, weil es ja doch angenehmer ist, wenn es nicht friert oder schwitzt. Was ich aber nicht tue, ist mein eigenes Empfinden zur Grundlage zu machen, sondern ich frage das Kind und fühle im Zweifel nach.

Das Kind ist aber grundsätzlich schon in der Lage sich witterungsangemessen zu kleiden und darf sich deshalb jeden Morgen selbst aussuchen, was es tragen möchte. Und ich kann vollkommen akzeptieren, dass das Kind nur ein langärmliges Shirt braucht, wenn ich bereits einen Pulli tragen muss. Nur bei Wechsel von Temperaturen oder Zuständen (von laufen zu stehen, o.ä.) achte ich darauf, ob Kleidung an oder ausgezogen werden muss.

Selbstregulation: Was noch?

Es gibt andere Bereiche, in denen mein Kind sich sehr gut allein regulieren kann: Auf die Toilette gehen, Essen und Trinken zum Beispiel. Da musste ich mir nie Gedanken drum machen. Ich musste nie groß daran erinnern auf’s Klo zu gehen, nicht zu viel Süßes zu essen oder das Trinken nicht zu vergessen. Andere Eltern sprechen jeden Tag mit den Erzieherinnen darüber, wie viel ihr Kind gegessen hat, weil die Kinder so wenig essen. Das ist bei meinem Kind kein Problem, es isst immer regelmäßig und genug. Es überfuttert sich nie! Es hat in unserer kleinen Familie das regelmäßige Essen quasi etabliert. Da war es mit 3 Jahren schon besser in der Selbstregulation, als wir beiden Erwachsenen.

Ich denke es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Menschen Selbstregulation lernen müssen. Ich kann hier gar nicht alle aufzählen, aber neben den hier bereits genannten (Schlaf, Kleidung, Toilette, Ernährung), fallen mir spontan noch als große Bereiche ein: Bewegung, Gefühle, Stimmungen, Impulse, Aufmerksamkeit. Was fällt Euch noch ein?

Jedes Kind wird sich in seiner Regulationsfähigkeit in jedem Bereich ganz individuell entwickeln und ich glaube daran, dass die Eltern Expertinnen sind, den momentanen Stand ihrer Kinder zu kennen. Es mag immer wieder Situationen geben, da ist respektvolles und konstruktives Feedback von anderen sinnvoll – aber nur falls es gewünscht und erfragt wird!

Es ist ganz wichtig, dem Kind zuzuhören, wenn es bereits erzählen kann und mag. Aber das setzte ich erstmal immer als selbstverständlich voraus, selbstverständlich ist das so! Ich unterstelle Eltern nicht ohne weiteres, dass es am nicht-ihren-Kindern-Zuhören/ nicht-auf-ihre-Kinder-achten liegt, wenn sie von Problemen oder ihrer Situation erzählen.

Das ist für mich einer der Grundbausteine von respektvoller Elterschaft, dass ich nicht nur meinem Kind, sondern auch anderen Eltern auf Augenhöhe begegne. Dass ich mich für ihre Geschichten interessiere, ihnen zuhöre und glaube, sie ernst nehme.

Selbstregulation ist in unserer Gesellschaft eine Lebensaufgabe, denn ständig müssen wir uns an irgendwas anpassen: Vom Wetter bis hin zu sozialen Erwartungen, alles kann sich radikal ändern. Und da wir alle verschieden sind und in unterschiedlichen Umgebungen leben, wird es niemals einen Königsweg zur Selbstregulation geben.

Deshalb bin ich interessiert an Euren Geschichten, möchte zuhören bzw. lesen. Was sind Eure Bereiche, wo Regulation Euch schwer fällt, was erlebt Ihr mit Euren Kindern, welche Strategien habt Ihr entwickelt, welchen Einfluss hat Eure spezifische Konstitution und Eure Umwelt?

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