Tag 101: 100 Blogbeiträge

Ich hatte es alles anders geplant. Ich hatte gedacht, zum hundertsten Beitrag verlose ich was. Aber dann kam der August, die große Zwangspause und sie ist immer noch nicht ganz vorüber. Immer noch blogge ich auf Sparflamme.

Also schreibe ich heute mal über ein Thema, das mich schon länger umtreibt. Die Gnade.

Ich will in die Begriffsgeschichte gar nicht eintauchen. Mir gefällt das Wort im Sinne von:

Erbarmen, Güte, Milde, Mitgefühl, Nachsicht, Verzeihung; (gehoben) Barmherzigkeit, Herzensgüte, Mildtätigkeit, Seelengüte, Vergebung

Gnade ist das Gegenteil von Ungnade. Und ich finde wir sind heute oft ungnädig. Wir haben unsere Prinzipien und Ideale und daran messen wir andere und uns selbst und urteilen dann oft ohne Gnade. Das ist hart und oft unnötig.

Ich kann inzwischen nur noch traurig gucken, wenn ich sehe, wie oft Entscheidungen gegen alle Bedürfnisse der Beteiligten gefällt werden, weil die Prinzipen sind nun einmal wichtiger.

Ich sehe wie herablassend andere beurteilt werden, obwohl ihre Situation ihr Handeln eigentlich ganz gut erklären könnte. Aber nein, andere schaffen das doch auch TROTZDEM!

Ich möchte mich selbst hier mal als Beispiel nehmen. Manchmal kommt mir eine Erkenntnis und dann denke ich an mein früheres Ich zurück und verurteile es, weil es diese Erkenntnis nicht hatte, obwohl es sie doch hätte haben können.

Es gab etwa kürzlich eine Zeit, da ärgerte ich mich über mein Teenager-Ich, weil es so ängstlich und vorsichtig gewesen war. Wie viel hatte ich verpasst? Warum hatte ich dieses oder jenes Beziehungsangebot ausgeschlagen? Bestimmte Aktivitäten nicht mitgemacht? Was hat mir diese Feigheit alles vorenthalten?

Und eines Tages, während ich so darauf herumdachte und mich mal wieder über mein Vergangenheits-Ich ärgerte, kam plötzlich dieser Gedanke:

Wie gnadenlos bist du grade mit dir selbst? Warum verurteilst du dich so? Warum vertraust du deinem früheren Ich nicht? Warum siehst du nicht, dass du auch damals eine feine Intuition hattest, die sinnvoll auf Risiken geachtet hat?

Ja, hinterher ist man immer schlauer! Aber eigentlich weiß man trotzdem nicht, was passiert wäre, wenn… Ich bilde mir ein im Nachhinein die Risiken besser abschätzen zu können, aber das ist Quatsch und zeigt nur, wie weit ich schon geistig von der Teenagerzeit entfernt bin.

Ich lehne das Defizitmodell ab. Ich mag mein Kind nicht nur durch die Brille sehen, was alles an ihm falsch ist und was es verbessern kann oder muss, damit es bestehen kann. Und so sollte ich konsequenterweise auch mit mir selbst umgehen. Mit meinem vergangenen und meinem jetzigen Ich. Und mit allen anderen Menschen ebenso. Das ist nicht immer leicht. Wie kann ich gnädig mit den Ungnädigen sein?*

Ich versuche mich selbst ernst zu nehmen, meine Gefühle, Gedanken und Sorgen nicht kleinzureden, meine Situation anzuerkennen, und wenn was nicht so gut läuft, dann schlicht und ergreifend gnädig mit mir selbst zu sein. Daraus schöpfe ich Kraft, um auch gnädig, wohlwollend und gütig zu anderen zu sein.

Manchmal fehlt mir diese Kraft. Manchmal bin ich einfach zu schlapp und der Strom des defizitorientierten Kritizismus reißt mich mit. Dann lasse ich mich eine Weile darin treiben, warte bis ich die Kraft habe zum Ufer zu schwimmen oder lasse mich ganz passiv dahin treiben. Und dann steige ich aus und verzeihe mir selbst.

Es ist nicht leicht heutzutage gnädig zu sein. Und manchmal geht es nicht. Und – davon ab – manchmal ist es auch gar nicht angemessen, weil nicht nur Prinzipien, sondern auch Menschen verletzt wurden.

Es teibt mir immer wieder Tränen in die Augen, wie Menschen, die ich großartig finde und bewundere, sich selbst hartherzig zerreißen und mit sich so kritisch sind, wie sie niemals zulassen würden, dass man ihre Kinder so streng beurteilt. Keine Gnade mit sich selbst. Es macht mich traurig. Es ärgern mich aber auch Menschen, die völlig blind sind für ihre eigenen Defizite, aber mit einem ganz unverhohlenen Genuss auf die Defizite anderer deuten und sie deshalb herabsetzen. Das sind oft wohl die Gnadenlosesten, da sie jedes bisschen Wohlwollen und Nachsicht für die Aufrechterhaltung ihres Selbstbildes benötigen.

Im Alltag plädiere ich für Gnade besonders für die schächsten Mitglieder der Gemeinschaft, wann immer ich Kraft dafür finde. Was leider bei weitem nicht so oft ist, wie ich es mir wünsche.

*Ich löse dieses Dilemma, indem ich versuche mich immer auf die Seite der jeweils schwächeren Partei zu stellen. Und darauf zu achten, wann eine dritte, noch schwächere Partei von der stärkeren Partei nur instrumentalisiert wird, um ihr abwertendes Urteil zu legitimieren.

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