Tag 66: Verbesserungen

Gestern habe ich mal wieder einige Artikel und Podcasts über beziehungsorientierte Elternschaft gelesen und gehört und mir fiel mal wieder auf, wie anspruchsvoll das ganze Projekt ist. Es fordert den Bezugspersonen etwas ab, das in der Soziologie „Gefühlsarbeit“ genannt wird.

Rose, orange, mit einigen Wassertropfen

Arlie Russel Hochschild veröffentlichte 1983 ihr Buch:

„The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling“

Auf Deutsch:

Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle

Mit diesem Buch wurde in der englischsprachigen Soziologie der Begriff emotional labour, also der Gefühlsarbeit, bekannt und dort gibt es auch eine akademische Tradition zu diesem Forschungsgegenstand, die im deutschsprachigen Raum nur sehr schwach aufgegriffen wird. Ich behandle das Thema hier im Blog unter dem Begriff Gefühlsmanagement.

Hochschild unterscheidet zwischen der oberflächlichen Gefühlsmanipulation, etwa indem wir freundlich lächeln und einem inneren Handeln, was bedeutet, dass man durch bestimmte Techniken die eigenen Gefühle oder die Gefühle anderer aktiv verändert. Sie zeigt anhand von empirischen Erhebungen von Flugbegleitungspersonal und Inkassoangestellten, wie Menschen diese Formen der Gefühlsmanipulation als Arbeitskräfte ökonomisch verwerten, ohne dass dies tatsächlich als Teil ihrer Arbeit offiziell anerkannt wird. Sie zeigt sehr schön auf, dass Gefühlsarbeit durchaus nicht immer bedeutet nur positive Gefühle hervorzurufen oder darzustellen. Das kann man sich sehr leicht vorstellen, denn in einem Inkassounternehmen sollen die Zielpersonen sich höchstwahrscheinlich nicht wohlfühlen.

Wenn wir uns nun anschauen, was bindungsorientierte Elternschaft uns abverlangt, dann fällt mir auf, dass es sich dabei um ziemlich elaborierte und anspruchsvolle emotionale Arbeit handelt.

Bezugspersonen sollten sich in die Kinder einfühlen, über Grundlagen der Entwicklungspsychologie verfügen, damit sie besser einschätzen können, welche kognitiven, physischen und emotionalen Fähigkeiten ein Kind haben kann und was es grade braucht. Sie sollten über ein gutes Bewusstsein ihrer eigenen Gefühle verfügen und ihre Impulse kontrollieren können. Sie sollten über Techniken verfügen ihre eigenen Gefühle zu beeinflussen und Kinder dabei unterstützen, diese Fähigkeiten zu erlernen.

Wenn wir uns dann noch vor Augen halten, dass der Umgang mit Gefühlen in unserer Gesellschaft kulturell vorbelastet ist (vgl. z.B. meinen Beitrag über Kummer), wird klar, dass es sich hierbei nicht um easypeasy fluffy quasi Freizeit handelt, sondern um eine herausfordernde Aufgabe.

Indem wir uns darauf konzentrieren darüber zu sprechen, wie sehr die bindungsorientierte Elternschaft einen grundlegenden Respekt Kindern gegenüber ausdrückt (was ja stimmt), versperren wir uns zumindest gelegentlich der Perspektive, dass es dennoch auch anspruchsvolle Arbeit ist.

Wie jede Arbeit, können wir auch Gefühlsarbeit nicht in guter Qualität leisten, wenn nicht bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. So fehlt den meisten Hauptbezugspersonen von kleinen Kindern genau die Zeit für körperliche und mentale Regeneration, die sie eigentlich bräuchten, um sich in die doch von Erwachsenen recht verschiedene Gefühlswelt der Kleinkinder einzufühlen. Und das ist jetzt nur ein ganz plattes und offensichtliches Beispiel.

Kommen wir also zu komplexeren Beispielen. Wir Eltern wollen unsere Kinder nicht in die Mühlen der Leistungsgesellschaft pressen, die uns so auslaugt. Immer funktionieren, sich ständig optimieren. Warum tun wir es dann? Warum z.B. fokussieren wir so auf die Lerndefizite und Schulnoten?

Es folgen dann oft Techniken, wie wir diesbezüglich zu Selbstreflexion kommen, uns distanzieren, etc. Kurz gesagt: Innere Arbeit an unseren Gefühlen, damit wir das, was uns zermürbt, von unseren Kindern abhalten, sie davor schützen können.

Wäre nicht eine Voraussetzung, um die Kinder nicht in die Mühlen der Leistungsgesellschaft zu pressen, wenn der Leistungsdruck auch tatsächlich reduziert würde? Also: Auch für Erwachsene?

Dazu passende Voraussetzung, nur ein mögliches Beispiel: Stärkung des Solidargedankens in Form von repressionsfreier Unterstützung von Armen, Kranken, Flüchtenden, und allen weiteren Menschen, die durch die Leistungsmentalität quasi aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Wenn Arbeitslosigkeit (gemeint ist hier nur Erwerbsarbeit, schon klar, ne?) nicht soziale Exklusion bedeuten würde, dann könnten wir wohl bezüglich Schulleistung einfacher entspannen, oder?

Was nützt es, wenn ich durch amibitionierte Selbstmanipulation diese echten sozialen Zwänge zumindest vorübergehend ausblenden kann? Es ist ein Arbeiten an Symtomen, was absolut okay ist. Aber können wir dann im Diskurs die Ursachen dennoch deutlich mitbenennen? Ihnen mehr als einen Nebensatz widmen? „Ja, es ist schwierig, aber dann müssen Sie sich halt Mühe geben. Stehen Sie doch einfach früher auf und meditieren, um ihren Stress zu reduzieren?“ Meditation ist eine tolle Sache, hilft aber wenig bei Geldsorgen und/oder Zeitmangel.

Und eine andere Form der Selbstreflexion: Bin ich zufällig in der glücklichen Situation, dass ich meine Kinder wahrscheinlich so gut versorgen und auch beerben kann, dass sie den Erfolg im Bildungssystem nicht so nötig haben, wie andere, ärmere Kinder (deren Chancen dadurch zumindest statistisch sowieso reduziert sind)? Ich für meinen Teil kann das sagen. Deshalb fällt es mir zur Zeit leicht, keinen Druck zu machen. Wenn sich mein Leben ändert, dann wäre es vermutlich schwieriger für mich.

Noch ein Exkurs zu diesem Thema: Dass häufig Mütter ihr Arbeitsvolumen sehr stark reduzieren und ein Aufsteigen im Beruf aussetzen, während die Kinder noch im Haus wohnen: Spielt da zumindest in einigen Fällen, teilweise und ein wenig mit rein, dass sie so der Leistungsmentalität besser entkommen, in Form der durch diesen Abstand erleichterten inneren Arbeit am Gefühl? Wer den Bedrängungen des Arbeitsmarkts nicht voll ausgesetzt wird, hat auch weniger Widersprüche in der Beziehung zum Kind zu bewältigen, das mit möglichst wenig Leistungsdruck konfrontiert werden soll. Auch dies können sich ärmere Eltern weniger bzw. in geringerer Qualität leisten. 

Nächstes Thema: Die Kinder loslassen und ihnen Freiräume geben. Beispiel: Warum bringen wir unsere Kinder überall mit dem Auto hin?

Unsere Gesellschaft ist in einem schon recht absurden Ausmaß auf die Bedürfnisse von Autos zugeschnitten. Unsere Infrastruktur für Verkehr zu Fuß, mit dem Rad und mit ÖPNV ist an vielen Orten eher mangelhaft. Autos bringen eine große Gefahr mit sich, besonders für Kinder. Ich habe grade beim Verkehr oft den Eindruck, dass die Zustände logisch verkehrt sind:

Wir sollen uns so verhalten, als sei die entsprechende Infrastruktur schon da, um so die Menschen in Entscheidungspositionen davon zu überzeugen, diese für das geforderte Verhalten benötigte Infrastruktur dann tatsächlich zu erschaffen. Wir sollen mehr mit dem Rad fahren, obwohl es kaum sichere Radwege gibt. Wir sollen mehr Bus und Bahn fahren, obwohl die mit den jetzigen Zuständen schon überlastet sind. Wenn wir das erstmal tun, dann sind die Entscheidungsträger gezwungen… Joa. Logisch, oder? Der totale Zwang von unten. Krasse Sache. Dass wir da nicht früher drauf gekommen sind.

Ja, ich lasse mein Kind gern los, wenn ich es in einer sicheren Umgebung weiß. Wenn die Kitas und Schulen mit genügend gut ausgebildetem und zufriedenem Personal ausgestattet sind und angemessene, moderne Konzepte pflegen. Wenn ich ein kinderfreundliches Wohnumfeld habe, dann kann mein Kind schon jung allein mit anderen Kindern losziehen und die Welt frei und unbelastet erforschen. Das gibt mir dann wiederum Zeit für Regeneration. Wenn mir entsprechende Regenerationszeit möglich ist, dann kann ich die optimale liebevolle Zuwendung zeigen, die mein Kind in emotional aufwühlenden Phasen braucht. Etc.

Bindungsorientierung Beziehungen zu Kindern erfordern emotionale Arbeit. Sie erfordern Ressourcen. Und ich wünsche mir, dass wir im Nachdenken über Bindungsorientierung diesen Voraussetzungen mehr Raum bieten und es eben nicht nur darauf hinausläuft, dass wir uns noch mehr selbstoptimieren, halt bindungsoptimieren.

Ich selbst werde hier versuchen darüber zu schreiben, welche Möglichkeiten und sozialpolitischen Maßnahmen ich mir vorstellen kann, um die Situation zu erleichtern und die Voraussetzungen für Eltern und Kinder zu verbessern. Ich freue mich sehr über den Austausch darüber mit Euch.

P.S.: Auf Grund eines Missverständnisses auf Twitter mit Katrin ÖkoHippie hier eine Klarstellung. Es geht mir nicht darum für eine Pädagogik zu argumentieren, die nicht bindingsorientiert ist, weil sie vielleicht weniger Arbeit macht, effizienter ist, oder ähnliches (mit ähnlichen Argumenten könnte man ja auch für eine Diktatur plädieren). Ich befinde mich vollkommen innerhalb des Diskurses zur Anwendung der Bindungsorientierung. Ich finde in vielen dazugehörigen Texten wird zu sehr auf die individuelle und psychische Anforderungen/Aufgaben etc. der Eltern fokussiert und der große soziale Zusammenhang verliert sich leicht aus dem Blick. Das ist sicherlich oft praktischen Notwendigkeiten geschuldet und – wie ich finde – teilweise auch einem sehr hohen Druck. Ich argumentiere hier nicht gegen Bindungsorientierung, sondern dafür sich zu bemühen gesamtgesellschaftlich, politisch und sozial zu denken und zu handeln als bindungsorientierte Eltern, zusätzlich zur bereits etablierten psychologischen und pädagogischen Diskurs- und Handlungsebene.

Das bedeutet für mich konkret:

  • Anerkennung der emotionalen Arbeit, die bindungsorientierte Elternschaft bedeutet.
  • Aufzeigen, dass diese Arbeit nur in einer angemessenen Qualität geleistet werden kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt werden.
  • Eintreten dafür, dass diese Voraussetzungen möglichst für alle Eltern erfüllt werden, besonders für jene, die einen erschwerten Zugang zu Ressourcen und Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe haben.
  • Entwicklung von Ideen und Konzepten, die für Bindungsorientierung besonders gute Rahmenbedingungen schaffen können oder könnten.

2 Gedanken zu „Tag 66: Verbesserungen“

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