Tag 16: Anna #1

Meine Oma wurde 1927 auf einem Bauernhof in einem winzigen Dorf in Thüringen geboren. Sagen wir mal, sie hieß Anna. Sie hatte zwei ältere und einen jüngeren Bruder. Ich habe ihr mal „Die Kinder aus Bullerbü“ geliehen und sie gab mir das Buch nach einiger Zeit wortlos zurück. Ich fragte sie:

„Und? Wie findest du es?“

„Ja. So war das damals.“

„Wie? Deine Kindheit war auch so?“

„Ja im Groben und Ganzen.“

„Das ist ja voll cool.“

„Cool. Hast Du nicht richtig aufgepasst? Immer auf dem Feld helfen. Der lange Weg zur Schule. Was meinst du wie anstrengend das ist?“

Ich fragte sie dann aus. Damals kannte ich noch jedes Detail aus dem Buch. Ihre Antwort war: Ja, so war es. Klar hatten wir auch Spaß. Aber es war sehr sehr anstrengend und sie sei ganz froh, dass meine Kindheit nicht so ist.


#flowercontent


Im Krieg wurde mein Großvater mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in das Dorf meiner Oma gebracht, weil Oberhausen total ausgebombt war. Mein Opa, nennen wir ihn Fritz, wurde 1944 noch mit 16 Jahren eingezogen, flüchtete aber und versteckte sich bis Kriegsende mit einem Freund in einem Stall.

Meine Großeltern bekamen 1948 einen Sohn und heirateten zwei Jahre später.

Nach dem Krieg konnte Fritz Mutter nach einiger Zeit zurück ins Ruhrgebiet, nicht nach Oberhausen, sondern in die Wiege des Kohlebergbaus. Sie hatte eine alte Tante, die verrückt geworden war – heute sagt man dement – die sie pflegte. Einige Zeit später konnten Fritz, Anna und der Kleine nachkommen. Sie wohnten in einer 1 Zimmer Wohnung in der Nähe von Fritz Mutter und Fritz arbeitete im Bergbau.

Mein Vater wurde geboren und als er groß genug war, lebte er einige Zeit bei seiner Oma, damit Anna in der Fabrik arbeiten konnte. Anna bekam noch einen dritten Sohn und blieb ab da Zuhause. Die Mutter von Fritz starb sehr jung, mit 58 Jahren, am Herzinfakt. Sie hatte das kleine Haus der dementen Tante geerbt. Das erbte nun Fritz. Ein Neubau wurde geplant. Die älteren beiden Söhne mussten eine Handwerksausbildung machen, um gut auf dem Bau helfen zu können.

Anna hielt die Hände über dem Geld. Fritz war ein Laberkopp und Verschwender. Er spielte sich gern zum großen Patriarchrn auf. Aber bei allen wichtigen Entscheidungen hatte Anna das letzte Wort. So wurde über Jahre eisern gespart für das Haus.

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