Tag 13: Mathe

Kürzlich las ich dieses Interview mit Hans Magnus Enzensberger und dem Mathematiker Albrecht Beutelspacher in der Zeit und musste an ein Gespräch denken, das ich vor einiger Zeit mit einer Mathematik Lehrerin und einer Mathematikerin führte.

Die Lehrerin beschwerte sich, dass die Klassen so groß seien und das Leistungsniveau so unterschiedlich, dass man nicht allen gerecht werden könne. Am schlimmsten daran sei, dass besonders für die Hochbegabten keine Zeit da sei. Und die unverschämteste Forderung sei überhaupt, dass die Hochbegabten den schlechten Schülerinnen und Schülern helfen sollten. Eine Zumutung sei das, wo eh nix für sie getan werde und dann sollen sie auch noch denen, die alles aufhalten, helfen. Diese Unfairness raube ihr schonmal den Schlaf.

Die Mathematikerin unterstütze sie voll und ganz. Mathematik sei eben schwierig. Für viele zu schwierig. Integralrechnung und so. Da sollte sich die Politik doch einfach mit abfinden, statt endlos Ressourcen an schwache Schülerinnen und Schülern zu verschwenden. Die kapieren es eh nicht.

Moderne Mathematik-Didaktik hielten sie für Augenwischerei und Zeitverschwendung. Mathematik sei eben einem kleinen Kreis vorbehalten. Das müsse man akzeptieren.

Mathematik ist überall. Auch in Blumen.

Die Forschung zeigt immer wieder, dass das nicht stimmt. In der Dokumentation auf arte Wie ich Mathe gehasst hab wird ein Lehrer gezeigt, der etwas – wie ich finde – ganz tolles gesagt hat. Ich zitiere aus dem Gedächtnis: 

Für jedes Thema versuche ich ein Bild zu finden, dass den Schülern den Zugang ermöglicht. Am besten nicht nur eins, sondern so viele wie möglich. Damit für jeden was dabei ist.

Ich finde das fasst die Aufgabe der Didaktik allgemein sehr gut zusammen. Es reicht halt nicht etwas auf eine Art zu erklären, Lehrende brauchen immer verschiedene Ansätze und Wege ein Thema zu erklären. Deshalb fand ich aufschlussreich, was Beutelspacher im Interview sagte:

Die Mathematiker beklagen eher, dass die Ausbildung sehr praxisorientiert ist, dass es zu wenig mathematische Inhalte gibt. Wenn ich erkennen möchte, ob ein Junge oder ein Mädchen einen fruchtbaren Gedanken formuliert, dann muss ich viel Mathematik können. Und ich muss offen gegenüber den Kindern bleiben.

Aber damit ist das Problem, das Menschen wie meine beiden Gesprächspartnerinnen verursachen, nicht erfasst. Denn offensichtlich ziehen die beiden ihr Selbstwertgefühl aus der Abwertung anderer. Dazu schrieb Ragen Chastain mal etwas sehr treffendes in einem anderen Zusammenhang:

We all live in a culture that tells us that we’ll never be enough, and that suggests that we should try to feel better about ourselves by trying to put others down.

Auf Deutsch etwa: Wir alle Leben in einer Kultur, die uns erzählt, dass wir nie gut genug sind und die uns vorschlägt, dass wir versuchen sollten uns selbst besser zu fühlen, indem wir versuchen andere abzuwerten.

Mathematische Kompetenz genießt ein großes Renomee und ermöglich in sehr vielen Bereichen und Berufen einen erfolgreichen Zugang. So gesehen ist es eine wertvolle Ressource, um die gern auch mit fiesen Mitteln gekämpft wird. Beispielsweise durch den systematischen Ausschluss anderer, vermeintlich Schwacher.

Deshalb meine 2 Cents zur Förderung Hochbegabter in Klassen mit gemischtem Leistungsniveau:

  1. Lernen durch Lehren ist eine anerkannte didaktische Methode.
  2. Wie in meinen Anmerkungen aufgezeigt, braucht man dazu ein sicheres Wissen im Thema (Zitat Beutelspacher) und muss dieses dann noch in verschiedene Erklär-Bilder gießen können (arte Doku Lehrer). Das ist eine anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe, eine Tranferleistung. Und das ist doch genau das, was Hochbegabte brauchen. Übung darin Transferleistungen zu erbringen, kann einem später etwa in der Forschung und Entwicklung zugute kommen. 
  3. Außerdem verhindert es ein Stück weit, dass Hochbegabte sich zu weit von ihren Klassenkameraden entfernen. So kann es den Zusammenhalt und die Solidarität stärken. Die Hoffnung besteht, dass sie dann nicht als Streber oder Nerds ausgegrenzt werden. 
  4. Es fördert zudem die emphatischen und sozialen Fähigkeiten der Hochbegabten.
  5. Mit großer Kraft geht große Verantwortung einher. Kinder, die was können, wollen oft Verantwortung tragen. Sie lehren zu lassen, gibt ihnen ein Stück Verantwortung.
  6. Selbst Hochbegabte sind nicht in allen Bereichen begabt. Menschen können voneinander lernen, wie viel genaues Zuhören bringt, zum Beispiel.

Als ich noch in der Schule war, habe ich immer in Lerngruppen gelernt. Mit Freundinnen und Freunden. Anderen etwas zu erklären, bis sie es verstanden hatten, hat mein Wissen stärker vertieft, als jegliches alleine lernen es je gekonnt hätte. Wir haben das alles selbst organisiert. Aber es braucht gar nicht so viel als Lehrerin oder Lehrer solche Lerngruppen zu fördern.

Ich selbst habe als Lehrende immer eher versucht Strukturen zu schaffen, innerhalb derer meine Studierenden sich Wissen aneignen können. Und ich habe viele, viele verschiedene Bilder gesucht. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich habe eigentlich weniger Zeit zur Vor- und Nachbereitung gebraucht, als Kolleginnen und Kollegen, die primär auf Frontalunterricht gesetzt haben.

Ich bin ergebnisoffen in die Seminare gegangen und habe insgesamt selbst auch immer sehr viel von meinen Studierenden gelernt. Auch in großen Seminaren mit über 25 Teilnehmenden. Schwache Studierende und sehr begabte Studierende konnten so etwas mitnehmen und ein Ergbnis von mindestens befriedigend war meist für alle möglich. Viele haben auch ganz tolle Leistungen erbracht und mich später nach tiefergehender Literatur gefragt. Und das, obwohl es oft genug nicht mal ihr Fach war, das ich unterrichtete.

Ich glaube gar nicht, dass das daran liegt, dass ich besonders gut darin bin zu unterrichten. Ich begeistere mich für mein Fach und es macht mir Spaß andere zu begeistern. Ich versuche mit jedem Studierenden eine Lösung zu finden, selbst wenn jemand sagt: Ich kann mit dem Thema nichts anfangen.

Das halte ich für eine faire Basis von Lehre. Zu glauben, dass das eigene Fach eh zu schwierig für 80% der Bevölkerung ist, eher nicht.

Damit möchte ich nicht bestehende Probleme und Mängel an Schulen kleinreden. Dass etwa für alle zu wenig Zeit bleibt, wenn die Klassen zu groß sind. Nur dass die Hochbegabten den schwächeren Schülerinnen und Schülern helfen, raubt mir in diesem Zusammenhang nicht grade den Schlaf.

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