Tag 71: Pause!

Ich kann nicht mehr. Ich bin einfach zu erschöpft, um noch Gedankenspaziergänge zu machen. Ich bringe nicht einmal mehr Interesse auf. Für irgendwas.

Deshalb verordne ich mir selbst eine Woche Ruhepause. Ruhe.

Lesen Sie erneut von mir am letzten Tag des Monats.

Rose in Orange mit Regentröpfchen

Tag 70: Erschöpfung

Vor ein paar Tagen setzte ich 3 Tweets ab, darüber wie erschöpft ich bin und dass ich grade jetzt das Gefühl habe, diese Erschöpfung stünde mir nicht zu. Der Thread beginnt hier.

Der Tweet erhielt für meine Verhältnisse viel Resonanz. Einige schrieben ihnen ginge es genauso. Andere erklärten mir, wie falsch der Gedanke ist, was auch wahr ist.

Das hat mich zu der Frage geführt, wie man destruktive Gedanken, die einem durch Gesellschaft und/oder Sozialisation eingepflanzt wurden, wieder loswerden kann? Und wie können einen andere dabei unterstützen?

Ich habe darauf grade wenig Antworten. Ich glaube, dass man besonders empfindlich ist für diese destruktiven Gedanken, wenn man erschöpft ist. Und zur Zeit ist die Erschöpfung umfassend. Ich kann kaum klar denken. Statt Gedankenwust nur Watte im Kopf.

Rose in rosa

Tag 69: Aufräumen

Wir haben einen tollen Ausflug gemacht mit einem guten Freund. Da entspannte sich zwischen Kind und Freund folgender Dialog:

Kind: „Also ich hab zweimal Turnen in der Woche. Montags in der Kita und mittwochs in der Turnhalle. Dienstag haben wir leckeres Frühstück in der Kita, mittwochs dürfen wir unser Lieblingsspielzeug mitbringen, donnerstags ist Musikschule und freitags, da räumen wir auf.“

Freund: „Freitags räumt ihr auf? Da könnt ihr mal bei mir bei mir vorbeikommen und da aufräumen.“

Kind: „Nein, in der Kita dürfen wir kein Bier trinken.“

Ich hasse ja diese „Das kannst du bei mir machen“ Witze! DAS war definitiv die beste Art so einen Witzbold abblitzen zu lassen, die ich je erlebt habe.

Blüte, federig rose

Tag 68: Fahrradausflug

Das Kind hatte den Wunsch mit dem Fahrrad auf der Hundewiese zu fahren. Ja, es gibt da Wege.

Nun ist das große Auto grade in der Werkstatt (Ersatzteil lässt auf sich warten) und der Hund sollte auch noch mit. Hr. Uiuiui und ich auch. Die Hundewiese ist deutlich zu weit um zu Fuß hinzukommen.

Weiße Blüte

Also verstaute Hr. Uiuiui alles in meinem Auto. Einem Ford Ka.

Nachteile meines Ford Ka:

  • Nur 3 Türen
  • Nur 4 Sitzplätze 
  • Winziger Kofferraum
  • So niedrig, dass Hr. Uiuiui nicht grade sitzen kann
  • Keine Klimaanlage 
  • Keine automatischen Fensterheber 
  • Keine Zentralverriegelung
  • Der Kofferraum lässt sich ausschließlich mit dem Schlüssel öffnen
  • Mein Chef macht sich ständig lustig über mein Auto, weil er die Farbe so schlimm findet

Vorteile meines Ford Ka

  • Es ist ein Auto
  • Es war an besagtem Tag fahrtüchtig und nicht in der Werkstatt 

Nach etlichem Tetris, ergab sich folgende Verteilung:

  • Hund im Kofferraum
  • Kind auf dem Rücksitz
  • Kinderrad auf dem Beifahrersitz. Das passte nur, wenn der Beifahrer- und der Fahrersitz ganz hinten waren
  • Deshalb musste Hr. Uiuiui fahren und ein wenig mit dem Vorderrad kuscheln.
  • Fr. Uiuiui auf dem Rücksitz

Immerhin waren alle ordnungsgemäß angeschnallt. Auf der Hundewiese, die übrigens nur inoffiziell eine Hundewiese ist und durch die ein offizieller Fahrrad-&Fußweg führt, motzte uns ein Hundebesitzer an, ob das nicht etwas unsicher wäre hier mit unserem Kind Fahrrad zu fahren. Das fährt ja noch nicht so sicher. Was, wenn jetzt es mit einem Hund kollidiert? Das Kind blieb zwar bei jeder Unsicherheit stehen und Hr. Uiuiui lief immer direkt nebenher. Und ich persönlich rufe meinen Hund ja immer zu mir, wenn ein Kind auf uns zu kommt. Er dagegegen hatte seinen Hund nicht zu sich rufen wollen. Der stürmte wirklich ziemlich ungestüm herum und ging dazu unserem Hund noch ordentlich auf die Nerven und hielt sich an keine Regel des Hundeanstands. Seltsam, was für Menschen sich berufen fühlen andere zu belehren. Das Kind reagierte wie ein Vollprofi und bremste jedes Mal und blieb stehen, wenn sein Hund wieder näher kam. Darauf wies ich ihn ganz freundlich hin, aber er blieb unveeindruckt der Meinung wir seien unverantwortlich.

Weiter des Weges waren alle Leute freundlich. Es gab keinerlei Zusammenstöße zwischen Hund und Kind. Hr. Uiuiui und ich diskutierten, was das Problem von dem Typen war. Ich dachte er sorge sich um seinen Hund. Mein Mann dachte, er sorge sich, dass unser Kind vom Hund gebissen wird. Aber wer auf die Hundewiese geht, weiß ja eigentlich, dass da auch Fahrräder fahren und ggf. Kinder unterwegs sind. Die schwierigen Hunde trifft man bei uns eher in den einsamen Wäldern. Wir kamen da zu keinem Schluss und trafen ihn auch nicht nochmal wieder, um dieses Rätsel zu lösen.

Nach der Hunderunde hatte das Kind noch lange nicht genug und wir gingen einen anderen Fahrrad-&Fußweg entlang, bzw. das Kind fuhr. Da dieser Weg stark frequentiert ist, war es deutlich brenzliger mit dem Kind, das schon gut fährt, aber es ist fünf Jahre alt. Und obwohl einige Radfahrer empfindlich in die Eisen steigen mussten, beschwerte sich niemand. 

Ich dachte mir: Eigentlich ist ein Kind auf dem Fahrrad, das noch nicht so viel Erfahrung hat, nirgends richtig. Auf der Hundewiese war es schön leer, aber es könnte ja mit einem Hund kollidieren und wer weiß was dann passiert. Auf den normalen Wegen für Fahrradfahrende und Menschen zu Fuß ist auch Rücksicht notwendig. Diese Rücksicht scheint für einige Leute eine unverschämte Zumutung zu sein. Für viele aber zum Glück nicht. Weil irgendwie muss die Erfahrung ja auch gesammelt werden.

Am Ende waren Hr. Uiuiui und ich sehr geschafft, das Kind hätte gern noch mehr gefahren. Ein schöner Ausflug war es dennoch.

Dann musste alles wieder ins Auto, das Fahrrad war zusätzlich noch in Decken eingewickelt, damit der Sitz nicht schmutzig wird. Leider hatten wir keine Perücke für on top. Auf dem Rückweg machten wir uns Gedanken, was wir tun, falls das große bis zum Urlaub nicht fertig ist. Wir kamen zu folgendem Schluss:

  • Hund und Schuhtasche in den Kofferraum
  • Kind und Reisetasche auf den Rücksitz
  • Eltern vorne

Da müssen wir schon spartanisch packen, können das Fahrrad nicht mitnehmen. Und bequem reisen geht auch anders. Aber es würde funktionieren.

Tag 67: Anstrengend

Es gab dieses Missverständnis zwischen Katrin ÖkoHippie und mir über bindungsorientierte Elternschaft als Form der Gefühlsarbeit. Ich vermute, dass es ein Missverständnis war und ich bin immer noch geflasht, von seinem ganzen Ausmaß. Obwohl ich Profi bin, vergesse ich doch gelegentlich, wie umfassend ein Missverständnis sein kann.

Wildrose, pink, mit Tropfen

Gut, das ist Twitter, das sind immer nur 140 Zeichen, aber sich nicht verständigen zu können, obwohl zig Tweets hin und her gewechselt haben, das bedeutet Frust auf beiden Seiten.

Ich hab dieses ziemlich überflüssige Studium hinter mir, das schwierig, anstrengend und auch schmerzhaft war. Aber ich habe viel gelernt, z.B. Missverständnisse nicht nur als konstititiven Bestandteil von Kommunikation zu verstehen, sondern auch sie produktiv zu nutzen.
Und so muss ich am Ende der Diskussion sagen, dass das Missverständnis zwischen Katrin und mir offenbar nicht oder nicht ganz ausgeräumt werden konnte, ich aber einen Impuls für eine weitere interessante Frage gewonnen habe und dafür möchte ich mich bei Katrin bedanken.

Hier nun die Frage, sponsored by Katrin ÖkoHippie:

Wenn bindungsorientierte Elternschaft anspruchsvolle emotionale Arbeit ist, ist sie deshalb anstrengender als – sagen wir mal – autoritäre Elternschaft?

Wie immer habe ich nicht nur eine Antwort und – das beste ist – die angebotenen Antworten wiedersprechen sich auch noch! Ist das nicht großartig?

Antwortversion A

Es erinnert mich an das, was mir ein Prof für politische Theorie mal sagte:

Eine Diktatur ist immer effizienter, als eine Demokratie. Ein Diktator beschließt heute etwas, das wird Morgen schon umgesetzt. In einer Demokratie wird darüber langwierig verhandelt. Aber eine Diktatur leidet auf lange Sicht an ihrem Mangel an Stabilität.

Ich glaube, das geht in eine Richtung, die Katrin vielleicht gefallen könnte. Und ich habe auch schon Gespräche auf Twitter geführt, in denen es genau darum ging. Dass nämlich die Vertrautheit von jungen Erwachsenen mit ihren Eltern heute höher ist, als früher. Es gibt auch einen Podcast darüber, aber leider kann ich ihn nicht empfehlen, weil eine, wie ich finde, unangenehme Entwicklungspsychologin dort mit ihrer kruden Meinung zu viel Zeit eingeräumt bekommt. Es gibt noch einen weiteren Podcast, der auch zu dem Thema passt, in dem es um die Aufarbeitung unserer Nazi Vergangenheit geht. Auch er passt dazu, aber ich kann ihn leider ebenfalls nicht empfehlen, wegen etlicher Äußerungen, die ich problematisch finde. Aber dort wird sehr schön der Bruch deutlich, den die 68er mit ihren Eltern machten und wie dringend sie die Distanz zu den lieblosen Nazi-Generation-Eltern brauchten. Und diese Brüche, die wegen diesem Erbe nötig sind, setzen sich eben bis heute fort. Aber immer häufiger sind sie eben nicht mehr nötig, müssen Kinder nicht mehr mit ihren Eltern brechen, weil Eltern liebevoll statt hartherzig sind. Das Ergebnis zumindest bilden die großen Panel Untersuchungen zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab.

(Ist irgendwie fies diese Podcasts hier anzusprechen und dann nicht zu verlinken, was? Mach ich trotzdem so.)

Antwortversion B

Mir ist es ehrlich gesagt völlig wurscht, was mehr Arbeit macht oder anstrengender ist. Ich möchte Menschen respektvoll behandeln, als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. So auch mein Kind, bzw. Kinder allgemein. Ob es dadurch einfach oder schwer für mich ist, spielt keine Rolle. Da denke ich nichtmal drüber nach. Ob das, was wir leben jetzt punktgenau bindungsorientierte Elternschaft ist, interessiert mich ebenso wenig. Die ganz normale liebevolle Zuwendung reicht uns.

Antwortversion C

Zuletzt möchte ich doch noch wenigstens einen Podcast empfehlen, nämlich diesen von SWR2 Wissen:

Erfindung der Kindheit – Phillipe Ariès und die Folgen

(Auf dieser Seite findet Ihr auch einen Manuskript Download.)

Der ist jetzt echt nicht so fluffig zu hören. Ich finde ihn teilweise interessant, teilweise nervig. Es geht darum, wie sich die Idee entwickelt hat, dass die Kindheit eine eigene Lebensphase mit besonderen Anforderungen ist. Phillipe Ariés hat da den Grundstein gelegt mit seiner „Geschichte der Kindheit“. Seine Schlussfolgerungen sind jedoch von einer fachlich unangemessenen Romantisierung des Mittelalters begleitet.

In der Folge gibt es auch die Thematisierung der Brüche mit den Eltern der 68er Generation. Dies erklärt die Anziehungskraft von Ariès damals, da Familie und Schule aus Prinzip autoritär, dressierend und einengend waren. Gute Seiten konnte Ariès an der Erfindung der Kindheit nicht finden, das passte vollauf zur Atmosphäre der damaligen Zeit.

Sie zeigen dann die Entwicklung vom Mittelalter bis in die späte Neuzeit auf und lassen auch Ariès Gegenspieler, Lloyd DeMause,  (inhaltlich) zu Wort kommen. Er war der Meinung, dass nur durch die Erfindung der Kindheit überhaupt eine interessierte und liebevolle Annäherung ans Kind begonnen hat.

Was mich u.a. an dem Podcast nervt? Erstmal ist der Begriff „schwarze Pädagogik“ einfach kacke. Können sie nicht repressive Pädagogik sagen? Rutschki hat da ihre berechtigte Kritik an anderen nicht auf ihr eigenes Konzepte angewendet. Negativ/schädlich = schwarz? Zur Veröffentlichung von Rutschkis Buch 1977, joa, aber 2014 hätte Detlev Berentzen das schon als problematisch erkennen können.

Dann ist die sehr präsente Psychoanalyse nicht grade meine liebste Disziplin zur Erforschung von historischer Entwicklung. Sie hat diese penetrante Ignoranz von sozialstrukturellen Zusammenhängen und sehr wenig Einsicht in diskriminierende soziale Mechanismen. Da wird viel kompliziert geredet, aber Erkenntnis bleibt mir da wenig übrig. Dennoch gibt es im Podcast abseits der zahlreichen Meinungen noch genug historische Fakten, um für mich hörenswert zu sein.

Fazit

Ich müsste mal über Hierarchie und Unterdrückung schreiben. Ich glaube, ja, wer eine repressive Beziehung zu sozial schwächer gestellten Menschen pflegt, der hat es einfacher. Die Erklärung dafür findet sich in diesem Artikel vom Atlantic:

Power causes brain damage

Wer oben ist, oder es genügt schon sich für sozial höhergestellt zu halten, stellt offenbar seine empatischen Tätigkeiten nach unten hin ein (so im Schnitt, ne). Solche Personen hören auf sich in andere einzufühlen, weil es in unserer Gesellschaft bei einer höher gestellten Person nicht nötig ist. Sich Einzufühlen ist vor allem eine Aufgabe von unten nach oben. Ist man oben, kann man sich den Gehirnschmalz halt sparen.

Andererseits erfordert Einschüchterung, Drohung und sogar Gewalt durchaus auch Einfühlungsvermögen. Mobber sind darin häufig sehr gut: Sie können ausgezeichnet erkennen, wie sie ihr Opfer besonders effektiv verletzen und wie sie andere dazu bringen können, dies voran zu treiben. Das findet sich nicht nur im den Studien zu Bullying von Dieter Wolke, sondern zeigt sich auch unter anderen Vorzeichen in Hochschilds Analyse der Inkassoangestellten, deren Aufgabe Einschüchterung und Verängstigung ist und die ihre eigenen Gefühle ebenfalls professionell manipulieren müssen, etwa weil sie Mitgefühl unterdrücken müssen.

Dementsprechend langweilig finde ich auch diese psychoanalytische Geschichtsschreibung aus dem Podcast und ihre Vorstellung von Gefühlen. Menschen im Mittelalter haben präödipale Entwicklungsschritte nicht absolviert? Alles klar! Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, angesicht dieser Interpretation und der mangelden Einfühlungsfähigkeit. Da wurde dann auch Gehirnschmalz gespart. Puh.

Jede Kultur bearbeitet die Gefühle ihrer Mitglieder. Es gibt verschiedene Vorstellungen von der angemessenen Darstellungen von Gefühlen, verschiedene Techniken sie zu bearbeiten, etc. Bleiben wir in der Psychoanalyse, interpretieren wir alles in so einem engen und begrenzten System, das man fix an die Erkenntnisgrenzen stößt.

Ich gebe zu, dass man diese Vorwürfe dem im Podcast ebenfalls genannten Soziologen Norbert Elias machen kann. Ich habe in meiner Uni Zeit ziemlich intensiv darüber nachgedacht, wieso Elias den Paradigmenwechsel im Gefühlsmanagement fundiert beschreiben kann, er aber offensichtlich nicht fähig war, sich in die Art des Gefühlsmanagements der Menschen im Mittelalter einzufinden. Falls irgendjemand Studien zu diesem Thema empfehlen kann, würde ich mich sehr freuen.

Den Grundgedanken, auf den ich mich hier beziehe, kann man im interkulturellen Vergleich von Gefühlsmanagement gut verstehen und dazu habe ich einen Podcast Tipp, den ich empfehlen kann (obwohl der Titel nicht so dolle ist):

Kulturen im „Gefühlscheck“ – Indianerherz oder Jammerlappen?

Das hat mir jetzt echt Spaß gemacht. Es war mal wieder Gedankenwust, aber ich konnte ein ihn wenig entknäulen und ein paar Ideen grob skizzieren. Ist es so öde, wie ich befürchte?

Tag 66: Verbesserungen

Gestern habe ich mal wieder einige Artikel und Podcasts über beziehungsorientierte Elternschaft gelesen und gehört und mir fiel mal wieder auf, wie anspruchsvoll das ganze Projekt ist. Es fordert den Bezugspersonen etwas ab, das in der Soziologie „Gefühlsarbeit“ genannt wird.

Rose, orange, mit einigen Wassertropfen

Arlie Russel Hochschild veröffentlichte 1983 ihr Buch:

„The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling“

Auf Deutsch:

Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle

Mit diesem Buch wurde in der englischsprachigen Soziologie der Begriff emotional labour, also der Gefühlsarbeit, bekannt und dort gibt es auch eine akademische Tradition zu diesem Forschungsgegenstand, die im deutschsprachigen Raum nur sehr schwach aufgegriffen wird. Ich behandle das Thema hier im Blog unter dem Begriff Gefühlsmanagement.

Hochschild unterscheidet zwischen der oberflächlichen Gefühlsmanipulation, etwa indem wir freundlich lächeln und einem inneren Handeln, was bedeutet, dass man durch bestimmte Techniken die eigenen Gefühle oder die Gefühle anderer aktiv verändert. Sie zeigt anhand von empirischen Erhebungen von Flugbegleitungspersonal und Inkassoangestellten, wie Menschen diese Formen der Gefühlsmanipulation als Arbeitskräfte ökonomisch verwerten, ohne dass dies tatsächlich als Teil ihrer Arbeit offiziell anerkannt wird. Sie zeigt sehr schön auf, dass Gefühlsarbeit durchaus nicht immer bedeutet nur positive Gefühle hervorzurufen oder darzustellen. Das kann man sich sehr leicht vorstellen, denn in einem Inkassounternehmen sollen die Zielpersonen sich höchstwahrscheinlich nicht wohlfühlen.

Wenn wir uns nun anschauen, was bindungsorientierte Elternschaft uns abverlangt, dann fällt mir auf, dass es sich dabei um ziemlich elaborierte und anspruchsvolle emotionale Arbeit handelt.

Bezugspersonen sollten sich in die Kinder einfühlen, über Grundlagen der Entwicklungspsychologie verfügen, damit sie besser einschätzen können, welche kognitiven, physischen und emotionalen Fähigkeiten ein Kind haben kann und was es grade braucht. Sie sollten über ein gutes Bewusstsein ihrer eigenen Gefühle verfügen und ihre Impulse kontrollieren können. Sie sollten über Techniken verfügen ihre eigenen Gefühle zu beeinflussen und Kinder dabei unterstützen, diese Fähigkeiten zu erlernen.

Wenn wir uns dann noch vor Augen halten, dass der Umgang mit Gefühlen in unserer Gesellschaft kulturell vorbelastet ist (vgl. z.B. meinen Beitrag über Kummer), wird klar, dass es sich hierbei nicht um easypeasy fluffy quasi Freizeit handelt, sondern um eine herausfordernde Aufgabe.

Indem wir uns darauf konzentrieren darüber zu sprechen, wie sehr die bindungsorientierte Elternschaft einen grundlegenden Respekt Kindern gegenüber ausdrückt (was ja stimmt), versperren wir uns zumindest gelegentlich der Perspektive, dass es dennoch auch anspruchsvolle Arbeit ist.

Wie jede Arbeit, können wir auch Gefühlsarbeit nicht in guter Qualität leisten, wenn nicht bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. So fehlt den meisten Hauptbezugspersonen von kleinen Kindern genau die Zeit für körperliche und mentale Regeneration, die sie eigentlich bräuchten, um sich in die doch von Erwachsenen recht verschiedene Gefühlswelt der Kleinkinder einzufühlen. Und das ist jetzt nur ein ganz plattes und offensichtliches Beispiel.

Kommen wir also zu komplexeren Beispielen. Wir Eltern wollen unsere Kinder nicht in die Mühlen der Leistungsgesellschaft pressen, die uns so auslaugt. Immer funktionieren, sich ständig optimieren. Warum tun wir es dann? Warum z.B. fokussieren wir so auf die Lerndefizite und Schulnoten?

Es folgen dann oft Techniken, wie wir diesbezüglich zu Selbstreflexion kommen, uns distanzieren, etc. Kurz gesagt: Innere Arbeit an unseren Gefühlen, damit wir das, was uns zermürbt, von unseren Kindern abhalten, sie davor schützen können.

Wäre nicht eine Voraussetzung, um die Kinder nicht in die Mühlen der Leistungsgesellschaft zu pressen, wenn der Leistungsdruck auch tatsächlich reduziert würde? Also: Auch für Erwachsene?

Dazu passende Voraussetzung, nur ein mögliches Beispiel: Stärkung des Solidargedankens in Form von repressionsfreier Unterstützung von Armen, Kranken, Flüchtenden, und allen weiteren Menschen, die durch die Leistungsmentalität quasi aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Wenn Arbeitslosigkeit (gemeint ist hier nur Erwerbsarbeit, schon klar, ne?) nicht soziale Exklusion bedeuten würde, dann könnten wir wohl bezüglich Schulleistung einfacher entspannen, oder?

Was nützt es, wenn ich durch amibitionierte Selbstmanipulation diese echten sozialen Zwänge zumindest vorübergehend ausblenden kann? Es ist ein Arbeiten an Symtomen, was absolut okay ist. Aber können wir dann im Diskurs die Ursachen dennoch deutlich mitbenennen? Ihnen mehr als einen Nebensatz widmen? „Ja, es ist schwierig, aber dann müssen Sie sich halt Mühe geben. Stehen Sie doch einfach früher auf und meditieren, um ihren Stress zu reduzieren?“ Meditation ist eine tolle Sache, hilft aber wenig bei Geldsorgen und/oder Zeitmangel.

Und eine andere Form der Selbstreflexion: Bin ich zufällig in der glücklichen Situation, dass ich meine Kinder wahrscheinlich so gut versorgen und auch beerben kann, dass sie den Erfolg im Bildungssystem nicht so nötig haben, wie andere, ärmere Kinder (deren Chancen dadurch zumindest statistisch sowieso reduziert sind)? Ich für meinen Teil kann das sagen. Deshalb fällt es mir zur Zeit leicht, keinen Druck zu machen. Wenn sich mein Leben ändert, dann wäre es vermutlich schwieriger für mich.

Noch ein Exkurs zu diesem Thema: Dass häufig Mütter ihr Arbeitsvolumen sehr stark reduzieren und ein Aufsteigen im Beruf aussetzen, während die Kinder noch im Haus wohnen: Spielt da zumindest in einigen Fällen, teilweise und ein wenig mit rein, dass sie so der Leistungsmentalität besser entkommen, in Form der durch diesen Abstand erleichterten inneren Arbeit am Gefühl? Wer den Bedrängungen des Arbeitsmarkts nicht voll ausgesetzt wird, hat auch weniger Widersprüche in der Beziehung zum Kind zu bewältigen, das mit möglichst wenig Leistungsdruck konfrontiert werden soll. Auch dies können sich ärmere Eltern weniger bzw. in geringerer Qualität leisten. 

Nächstes Thema: Die Kinder loslassen und ihnen Freiräume geben. Beispiel: Warum bringen wir unsere Kinder überall mit dem Auto hin?

Unsere Gesellschaft ist in einem schon recht absurden Ausmaß auf die Bedürfnisse von Autos zugeschnitten. Unsere Infrastruktur für Verkehr zu Fuß, mit dem Rad und mit ÖPNV ist an vielen Orten eher mangelhaft. Autos bringen eine große Gefahr mit sich, besonders für Kinder. Ich habe grade beim Verkehr oft den Eindruck, dass die Zustände logisch verkehrt sind:

Wir sollen uns so verhalten, als sei die entsprechende Infrastruktur schon da, um so die Menschen in Entscheidungspositionen davon zu überzeugen, diese für das geforderte Verhalten benötigte Infrastruktur dann tatsächlich zu erschaffen. Wir sollen mehr mit dem Rad fahren, obwohl es kaum sichere Radwege gibt. Wir sollen mehr Bus und Bahn fahren, obwohl die mit den jetzigen Zuständen schon überlastet sind. Wenn wir das erstmal tun, dann sind die Entscheidungsträger gezwungen… Joa. Logisch, oder? Der totale Zwang von unten. Krasse Sache. Dass wir da nicht früher drauf gekommen sind.

Ja, ich lasse mein Kind gern los, wenn ich es in einer sicheren Umgebung weiß. Wenn die Kitas und Schulen mit genügend gut ausgebildetem und zufriedenem Personal ausgestattet sind und angemessene, moderne Konzepte pflegen. Wenn ich ein kinderfreundliches Wohnumfeld habe, dann kann mein Kind schon jung allein mit anderen Kindern losziehen und die Welt frei und unbelastet erforschen. Das gibt mir dann wiederum Zeit für Regeneration. Wenn mir entsprechende Regenerationszeit möglich ist, dann kann ich die optimale liebevolle Zuwendung zeigen, die mein Kind in emotional aufwühlenden Phasen braucht. Etc.

Bindungsorientierung Beziehungen zu Kindern erfordern emotionale Arbeit. Sie erfordern Ressourcen. Und ich wünsche mir, dass wir im Nachdenken über Bindungsorientierung diesen Voraussetzungen mehr Raum bieten und es eben nicht nur darauf hinausläuft, dass wir uns noch mehr selbstoptimieren, halt bindungsoptimieren.

Ich selbst werde hier versuchen darüber zu schreiben, welche Möglichkeiten und sozialpolitischen Maßnahmen ich mir vorstellen kann, um die Situation zu erleichtern und die Voraussetzungen für Eltern und Kinder zu verbessern. Ich freue mich sehr über den Austausch darüber mit Euch.

P.S.: Auf Grund eines Missverständnisses auf Twitter mit Katrin ÖkoHippie hier eine Klarstellung. Es geht mir nicht darum für eine Pädagogik zu argumentieren, die nicht bindingsorientiert ist, weil sie vielleicht weniger Arbeit macht, effizienter ist, oder ähnliches (mit ähnlichen Argumenten könnte man ja auch für eine Diktatur plädieren). Ich befinde mich vollkommen innerhalb des Diskurses zur Anwendung der Bindungsorientierung. Ich finde in vielen dazugehörigen Texten wird zu sehr auf die individuelle und psychische Anforderungen/Aufgaben etc. der Eltern fokussiert und der große soziale Zusammenhang verliert sich leicht aus dem Blick. Das ist sicherlich oft praktischen Notwendigkeiten geschuldet und – wie ich finde – teilweise auch einem sehr hohen Druck. Ich argumentiere hier nicht gegen Bindungsorientierung, sondern dafür sich zu bemühen gesamtgesellschaftlich, politisch und sozial zu denken und zu handeln als bindungsorientierte Eltern, zusätzlich zur bereits etablierten psychologischen und pädagogischen Diskurs- und Handlungsebene.

Das bedeutet für mich konkret:

  • Anerkennung der emotionalen Arbeit, die bindungsorientierte Elternschaft bedeutet.
  • Aufzeigen, dass diese Arbeit nur in einer angemessenen Qualität geleistet werden kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt werden.
  • Eintreten dafür, dass diese Voraussetzungen möglichst für alle Eltern erfüllt werden, besonders für jene, die einen erschwerten Zugang zu Ressourcen und Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe haben.
  • Entwicklung von Ideen und Konzepten, die für Bindungsorientierung besonders gute Rahmenbedingungen schaffen können oder könnten.

Tag 65: Kindergarten

Es trug sich zu, Anno Domini, dass Frau Uiuiui, damals noch Klein-Esthi, in den Kindergarten kam.

Blüten eines Trompetenbaums

Folgende Anekdote ist von diesem erstaunlich wenig in Vergessenheit geratenen Tag überliefert:

Mutter: „Und Esther: Wie war es im Kindergarten?“

Klein-Esthi: „Alle haben was gesungen. Ich hab das nicht gesungen. Ich habe ‚Ein Männlein steht im Walde‘ gesungen.“

Mutter: „Hm. Und sonst?“

Klein-Esthi: „Sonst war nix.“

Obgleich der Grund, dass Klein-Esthi zwar mitgesungen hat, aber ein anderes Lied, wohl auch darin zu suchen ist, dass sie den Text des Kindergartens Liedes vermutlich nicht kannte, war diese Episode für Mutter Uiuiui ein plastisches Beispiel für die Persönlichkeit von Klein-Esthi:

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde sie sich anpassen, wenn man genau hinschaut, zieht sie aber doch ihr eigenes Ding durch.

Tag 64: Schafskäse Sandwich

Ich habe grade eine Schafskäse-Phase und deshalb findet dieses köstliche Käseprodukt auch seinen Weg in meinen Sandwichmaker.

Das belegte Sandwich – es würde so schon schmecken


Zutaten

  • 2 Scheiben Toast
  • Ca. 100 g Schafskäse (aus Kuhmilch geht selbstverständlich auch)
  • 1 Tomate
  • Basilikum 
  • Salz, Pfeffer und Paprikapulver
  • Balsamessig
  • Olivenöl

Zubereitung 

Den Schafskäse und die Tomate in Scheiben schneiden. Wenn man einen Grill hat, Toastscheiben von einer Seite dünn mit Olivenöl einpinseln und kurz angrillen. Dann als Innenseiten verwenden. Mit Tomate und Schafskäse belegen. Darüber Basilikum und Gewürze, sowie Balsamessig. Deckeltoast drauf und ab in den Sandwichmaker goldbraun grillen.

Zusätzlich schmecken dazu auch noch in feine Ringe geschnittene Scharlotten, doch ich hatte keine mehr.

Das fertig gegrillte Sandwich, Vorsicht sehr heiß!

Tag 63: Kummer

Es ist in der letzten Woche zwei mir ganz gut bekannten Familien nicht besonders gut ergangen. In beiden Fällen wurde dem Tod von der Schippe gesprungen. Einmal sehr knapp und einmal nicht ganz so knapp.

Gelbe Blümchen

Beide Familien werden an den Folgen lange zu knabbern haben, dafür viel Kraft benötigen, die aus verschiedenen Gründen besonders den Frauen fehlen.

Es ist nicht der Weltuntergang und sicher gibt es viele Menschen auf der Welt, die schlimmer leiden. Aber es ist trotzdem für sie grade sehr hart.

Und dann sind da die Standardreaktionen ihrer Umwelt: „Ist ja nochmal gut gegangen.“ So fasse ich das hier zusammen. Und es regt mich so auf. Nein, es ist nicht gut gegangen, wenn nicht das Schlimmstmögliche eingetreten ist in einer Krise.

Meine Schwester erinnerte mich daran, wie oft wir das hören mussten, als unsere Oma fast am Schlaganfall gestorben ist. Nein, es war überhaupt nicht gut gegangen. Es folgten für sie fünf lange Jahre Angst, Panik, Schmerz und Kummer, bis sie starb. Warum sagten uns alle, wir hätten Glück gehabt, sie hätte ja nochmal Glück gehabt? Ist Glück beim Sterben nicht eher „sanft entschlummert mit 94“?

Eigentlich wollen die Menschen nämlich nichts vom Leid anderer hören. Denn davon zu hören, ist unangenehm und erinnert einen daran, dass man selbst auch ähnlich leiden könnte.

Leid wird in unserer Gesellschaft verdrängt. Da soll jede einzelne Person lieber allein mit fertig werden. Oder eine Therapie machen. Aber bitte das Umfeld nicht damit belasten. Denn das hat genug zu tun das eigene Leid fortwährend unter den Teppich zu kehren.

Kennt Ihr den Film „Alles steht Kopf“? Es geht darum, den Kummer nicht mehr zu verdrängen. Obwohl er unangenehm ist. Denn Kummer hat den Sinn uns in schlimmen Situtionen mit anderen zu verbinden. Aber dafür müssen wir ihn zulassen. 

Ich lese auch grade über Meditation den Klassiker von Jon Kabat-Zinn. Es geht viel darum unangenehme Situationen und Gefühle, Schmerzen anzunehmen. Und ich denke, dass wir dafür Übungen wie die Meditation brauchen, liegt auch in einer Art gesamtgesellschaftlichen Verdrängung von Kummer begründet. Weil wir uns als Gesellschaft gegenseitig kaum noch trösten können. Und so lernen es die besonders Belasteten etwa in Meditationskursen sich selbst zu trösten und ihren Kummer und Schmerz anzunehmen. Weil sie de facto vielerorts nicht so angenommen werden. Weil man nach einer traumatischen Geburt allenthalben hören muss, dass doch das Kind gesund sei, Hauptsache, oder, nech?

Die Gespräche auf Twitter in den letzten Tagen zeigen mir eins deutlich: Etliche Menschen haben nach traumatischen Geburten in der Zeit danach weiter gelitten, nicht nur unter den ganzen körperlichen und psychischen Folgen des Geburtstraumas, sondern zusätzlich noch unter den unsensiblen Versuchen ihrer Mitmenschen dieses Leid mit platten Floskeln vom Tisch zu wischen:

„Jetzt sei doch mal dankbar!“

„Ist doch gut gegangen.“

„Ja, aber sei froh, immerhin ist das Kind gesund.“

Das sind einige Beispiele, die genannt wurden (wenn Ihr wollt, dass ich Euch namentlich nenne, dann sagt mir gern Bescheid). Viel Kluges von klugen Menschen wurde dazu gesagt. Vieles davon findet Ihr in meinem Twitter-Moment hier und sagt Bescheid, wenn Ihr daraus gelöscht werden wollt. 

Viele Menschen wollen offenbar nicht zuhören, wenn von einer schrecklichen Geburtserfahrung erzählt wird. Ich kann verstehen, dass Menschen, die selbst kurz- oder mittelfristig noch Kinder gebären möchten, vermeiden wollen vorab einen Keim für Panik in sich zu pflanzen. Ich habe da unter Schwangeren auch sehr oft ein sensibles Miteinander erlebt.

„Es war nicht so schön, möchtest du trotzdem, dass ich darüber erzähle?“

(Es gibt natürlich auch Leute, die Hochschwangeren mit Genuss die ganz argen Horrorstorys erzählen, die sie meist irgendwo aufgeschnappt haben. DAS TUT NICHT NOT! BITTE LASSEN!)

Aber bei anderen Menschen ist es mir völlig schleierhaft, warum sie so reagieren. Erst fragen sie nach und bohren, aber wenn dann die ganze Wahrheit an die Oberfläche kommt, kanzeln sie die betroffene Person mit einer Floskel ab. Die Neugierde ist befriedigt, was danach kommt, soll nicht mehr ihr Problem sein. Und das passiert den Betroffenen häufig nicht nur einmal, sondern immer wieder und wieder und wieder. Viele wollen Details wissen. Begleiten im Schmerz, der durchs Erzählen entsteht, wollen sie jedoch nicht. Eine äußerst unfaire Verteilung der emotionalen Lasten.

Ein ähnliches Schicksal erleiden z.B. Krebspatient:innen fürchte ich auch viel zu häufig, das haben mir zumindest Betroffene aus meinem Umfeld erzählt. Eine Erinnerung dazu aus meinem Leben:

Nach der Geburt meines Kindes kamen Leute zu Besuch, die mein Mann eingeladen hatte und die ich nicht so sehr mochte. Der Typ ließ sich ewig darüber aus, wie wenig er für Menschen übrig habe, die nicht gegen den Krebs kämpfen. Warum dieses Gespräch überhaupt sein musste nach meiner Geburt? Keine Ahnung. Es hat mich so mitgenommen, diese Einstellung, dass man nur Würde zuerkannt bekommt, wenn man sich kämpferisch gibt. Selbst wenn man lebensbedrohlich erkrankt ist. Diese martialische Haltung, die einem in Zeiten von Kummer oft abverlangt wird… Ich finde sie so schwer zu ertragen.

Ich frage mich, wie sehr unsere Mentalität der Leidsunterdrückung mit der Tatsache zusammenhängt, dass wir aus einer jahrtausende andauernden Tradition einer kriegerischen Gesellschaft abstammen und dies erst ziemlich kurz in Europa hinter uns haben. Der kalte Krieg und der Krieg in Jugoslawien sind doch noch gar nicht lange her. Den zweiten Weltkrieg haben meine Großeltern bewusst miterlebt.

Krieg bedeutet ständig mit unermesslichem Leid konfrontiert zu sein. Wird dieses Leid angenommen und thematisiert, wie viel schwieriger ist es wohl die Bevölkerung weiterhin für die Teilnahme an den Kriegen zu motivieren? Ich habe oft den Eindruck, dass die Kriegsmetaphorik sehr tief eingeschrieben ist in unsere Gesellschaft, wir bemerken sie jedoch kaum.

Ich muss fortwährend daran denken die letzten Tage, wie schwer mir diese Mentalität mein Leben schon immer gemacht hat. Eigentlich am meisten, weil mir nahe Menschen zugrunde gehen an ihrem verdrängten Leid und dem Versuch dabei ihr heldenhaftes Gesicht zu wahren. Immer der Held im Lebenskampf. Der Einzelkämpfer und Retter. Mit Wut als einzig zulässigem Gefühl. Einsam ist das. Und ja, ich wünsche mir, dass sie aus diesem Selbstbild ausbrechen.

Mir wird immer mehr klar, wie sehr ich ein Stachel in ihrem Fleisch bin, mit meiner Persönlichkeit, die sehr wenig zum Verdrängen neigt. Erinnerungen bedeuten mir viel und ich gehe den schlimmen Erinnerungen nicht aus dem Weg. Ich, dieser unsäglich penetrante Mensch. Der ständig fragt:

Warum?

Wie war es für dich?

War jemand für dich da?

Warst du sehr traurig?

Das sind keine Fragen, mit denen Helden umgehen können. Ihre Wut windet sich, denn sie kann nichts dazu beitragen. Alles mögliche kommt hoch, uiuiui.

Ich weiß grade nicht, wie es weiter gehen soll. Ich passe nicht in diese meine Welt und die Hoffnung einen Platz darin zu finden, schwindet grade mal wieder rapide. Nur der virtuelle Austausch lässt noch ein Fünkchen Hoffnung in mir keimen. Ich danke Euch dafür! 

Aber das soll nicht der letzte Satz hier sein, über meinen eigenen Kummer mit dem Kummer.

Denn was ich so zentral finde an diesem sozialen Mechanismus dem Begleiten vom Kummer anderer aus dem Weg zu gehen, um den eigenen Kummer nie spüren zu müssen, ist, dass es letztlich Menschen in ihrem Kummer allein lässt.

Je schlimmer dein Schicksal ist, desto mehr droht die Isolation. Eine endlose Spirale aus Kummer und es würde sehr helfen, wenn wir daraus ausbrechen. Nicht alle alleine für sich, sondern gemeinsam.

Tag 62: Schwester

Stellen Sie sich vor, sie wären 10 Jahre alt und endlich wurde Ihnen die kleine Schwester geschenkt, die Sie sich schon immer gewünscht haben.

Blume in gelb und orange

Und stellen Sie sich vor, diese kleine Schwester wäre die beste Schwester, die man sich nur wünschen kann: wild, klug, witzig, schön, mutig, ehrlich und gerecht. Stellen Sie sich vor, wie glücklich Sie darüber wären. Wie sehr Sie diese kleine Schwester lieben würden. 

Und dann stellen Sie sich vor, dass es dieser wundervollen kleinen Schwester nicht immer so erging, wie Sie sich das für sie erhofft hätten oder wie es gut und richtig gewesen wäre. Und sicher hätte es anders laufen können, aber Sie hätten es nicht verhindern können, weil Sie eben selbst noch ein Kind waren und nicht alles verstanden haben und auch, weil Ihre Möglichkeiten begrenzt waren. Denn, selbst wenn Sie 10 Jahre älter waren, so waren Sie doch noch jung.

Stellen Sie sich weiterhin vor, irgendwann viele Jahre später, als Ihre geliebte Schwester bereits ein neues Leben auf einem anderen Kontinent begonnen hat, bekommen Sie ein Kind, ein Wunschkind.

Und nun stellen Sie sich vor, dieses Kind wäre der geliebten Schwester überraschend ähnlich. Kein Klon, aber eine unübersehbare Ähnlichkeit. Und auch die Persönlichkeit Ihres Kindes ist wild, klug, witzig, schön, mutig, ehrlich und gerecht. Hätten Sie dann nicht auch das Gefühl, dass Sie etwas von damals wieder gut machen können? Selbstverständlich bleiben die Wunden der Kindheit Ihrer Schwester dadurch weiterhin bestehen. Nichts wird ungeschehen gemacht. Aber es erscheint doch wie eine Chance des Schicksals zu zeigen, wie es so einem Kind besser ergehen kann und wie gut es dann gedeiht.

Stellen Sie sich vor, wie zufrieden Sie das Glück Ihres geliebten Kindes Sie machen würde und wie dankbar Sie wären, für diese Chance.

Und jetzt frage ich Sie, nachdem Sie Ihre Vorstellungskraft derart bemühen mussten: Wäre es nicht ganz folgerichtig, wenn Ihre kleine Schwester dereinst mal ein Kind bekommt, dass es so werden würde, wie Sie es als Kind waren?