#klangstrecke Schlafen

Ich habe – aus Gründen – sehr viele Podcasts über das Schlafen und alles damit Zusammenhängende gehört.

Und da dachte ich: Das könnte ich doch hier mal sammeln.

Beginnen wir mit einem relativ neuen Podcast, den ich äußerst ausfschlussreich finde, denn er behandelt die Kulturgeschichte des Bettes. Meiner Einsicht nach zeigt er sehr gut auf, dass das Bett eine soziale Errungenschaft ist, was ein Teil der Erklärung sein kann, warum wir in unserer Kultur gern möchten, dass unsere Kinder in ihrem Bett in ihrem Zimmer schlafen. Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass es für jeden das eigene Bett und das eigene Zimmer gibt. Und die Vergangenheit hielt für uns Europäer schon eine Menge Plagen bereit was die Schlaffstatt angeht.

SWR2 Wissen:

Bettgeschichte – vom Strohsack zur IT Matratze

Passend dazu direkt die Kulturgeschichte des Schlafes, eine weitere Folge von SWR2 Wissen, die uns noch klarer machen kann, dass unsere Vorstellungen vom optimalen Schlaf Ergebnis einer spezifischen Entwicklung sind, in der die Industrialisierung eine bedeutende Rolle spielt.

Gute Nacht!: Kulturgeschichte des Schlafens

Die letzte Empfehlung für die SWR2 Wissen Reihe behandelt das Thema Schlaf der Tiere und bietet so einen eher biologischen Blick auf das Thema wozu es Schlaf überhaupt gibt und dazu auch einen kleinen Einblick in die verschiedenen Gehirnwellen, die im Schlaf messbar sind und wie diese interpretiert werden:

Der Schlaf der Tiere

Als nächstes stelle ich in aller Kürze eine Reihe zum Schlafen vom Deutschlandfunk „Feature“ vor. Sie heißt „Drifting Away – Von Schlaf und Traum“. Hier auf der Homepage findet Ihr auch die Manuskripte, falls Ihr lieber lesen wollt.

Der erste Teil behandelt Schlafmusik und meiner Meinung nach ist es die beste Folge. Sie ist informativ und gut gemacht und sie hat mir definitiv neue Impulse gegeben für unser Schlafproblem, denn es könnte ja sein, dass ich Klänge findem kann, mit denen das Kind besser zur Ruhe findet. In diesem Podcast werden sehr viele Möglichkeiten vorgestellt und allein was sie über die Geschichte des Wiegenlieds sagen, ist schon hochinteressant.

Schlaf und Traum in der Musik

Den zweiten Teil konnte ich leider als Podcast noch nicht finden, das Manuskript ist jedoch verfügbar.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Klarträumen. Inhaltlich ist die Folge interessant, leider finde ich sie ist sooo nervig gemacht, das hat mir den Hörgenuss echt madig gemacht. Aber ständig wird vorgelesen, was bei Google gesucht oder gefunden wird, angereichert mit Tippgeräuschen, das bringt mir echt gar nichts. Da hätte ich dann lieber mehr Minuten von den Interviews gehabt. Dennoch: Wen luzide Träume bzw. Klarträume interessieren, die Inhalte sind interessant.

Die Oneironauten – Mit Traumreisenden durch die Nacht

Der nächste Teil behandelt das Thema Albtraum und die Inhalte sind in eine Rahmenhandlung eingebunden, die ich ok finde, aber man kanm es auch nervig finden. Aber ich habe sehr viel über Albträume erfahren und muss noch überlegen, wie mir dieses Wissen weiterhelfen kann. Ich muss aber auch warnen, denn der Podcast ist stellenweise auch gruselig, wie man sich unschwer denken kann.

Auf den Spuren des Albtraums

Der letzte Teil widmet sich der Schlaflosigkeit und auch dieser Teil ist fast genauso gut, wie der erste Teil der Reihe. Es gibt Tipps, historische Anekdoten und Auszüge aus der Literatur. Schön gemacht, hilfreich, habe ich gern gehört.

Eine kleine Kulturgeschichte der Schlaflosigkeit

Damit bin ich vorläufig am Ende meiner #klangstrecke Tipps zum Thema Schlafen angekommen, aber wenn ich was Neues finde, dann werde ich es hier ergänzen.

Tag 107: Bäh

Dieser Tage gab es einen kleinen Vorfall in unserer Kita, weil das Kind und die anderen Vorschulis sich beim Mittagessen gegenseitig ihr zerkautes Essen im Mund gezeigt haben. Das wurde sanktioniert und ich habe das mit verschiedenen Menschen besprochen. Fast einheitlich war die Meinung, dass dieses Verhalten sehr ekelig ist. Unterschiedlich war die Meinung dazu, ob man dieses doch recht häufige kindliche Verhalten unterbinden oder ertragen sollte.

Ich bin ganz ehrlich, dass ich zu den Ertragern gehöre. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass Unterbinden in diesem Fall schädlich ist. Es gibt Konventionen, sowie damit verbundene Ekelgefühle und dann kann man diesbezügliche Regeln mit den Kindern besprechen. Wo ich argumentativ nicht mitgehe, ist dass das Zeigen des Zerkauten Essens im Mund einen mangelnden Respekt gegenüber Nahrungsmitteln ausdrückt, denn dafür wurden mir außer „isso“ bisher keine Gründe vorgelegt, die ich schlüssig finde.

Was ich schon mache, ist meinem Kind zu sagen, dass die meisten Menschen dieses Verhalten ekelig finden, denn es soll nicht in fremder Umgebung mit einer unbekannten konventionellen Regel konfrontiert werden und beschämt werden, ohne dass es versteht, welches Verhalten die Ursache ist. Siehe dazu auch den letzten Beitrag.

Nun hat mir die kluge Caro alias Dr_Mama_ mit ihrem überaus präzisen Erinnerungsvermögen einen Thread von @gewünschtkind zum Thema auf Twitter empfohlen, den ich ganz wunderbar finde und der mich spontan daran erinnert hat, warum ich zu den Ertragern gehöre, weil ich nämlich eine kleine Theorie habe, was die Ursache dieses ekelhaften Verhaltens ist.

Kategorien und ihre Grenzen

Ich habe mal eine Zeit lang mit großer Freude Fachliteratur zur Soziologie des Essens gelesen, sowie gewisse britische Anthropologen zu den Themen Ritual und Tabu, allen voran Mary Douglas.

Alle menschlichen Kulturen (gibt es auch nichtmenschliche Kulturen? Diese Frage diskutiere ich heute mal nicht!) stehen vor dem Problem, dass sie einerseits für ihr Verständnis der Welt und ihre soziale Interaktion Kategorien brauchen, dass diese Kategorien aber an ihren Grenzen immer unscharf werden. Deshalb neigen wir je nach Art der Kategorie und der speziellen (Sub)Kultur dazu die Dinge, Wesen oder Phänome, die sich in den Grenzbereichen befinden, entweder zu tabuisieren oder lustig zu finden, um mit der kognitiven Dissonanz des Grenzproblems fertig zu werden. Es gibt selbstverständlich noch weitere Stategien, die z.B. eher rational oder pragmatisch sind und die heute außen vor bleiben, vielleicht ein anderes Mal…

Der Körper als Einheit und die Grenzüberschreitungen

Der Körper zeichnet sich nun insbesondere dadurch aus von uns als eine abgeschlossene Einheit wahrgenommen und kategorisiert zu werden. Deshalb sind alle Dinge, die die Grenzen unseres Körpers überschreiten ein Kategorieproblem. Dazu gehören alle Körperflüssigkeiten, wie Kot, Urin, Blut, Tränen, Speichel, Rotz, Ohrenschmalz, Erbrochenes, Menstruationsflüssigkeit, Sperma, Eiter, etc. Alle diese Substanzen werden deshalb in allen Kulturen bezüglich dieses Grenzproblems bearbeitet, sehr häufig durch negative Tabuisierung, manchmal auch durch positive Tabuisierung. Manchmal werden sie auch leichthändig und witzig bearbeitet. Mary Douglas bringt selbst das Beispiel, dass präpubertäre Jungen Kot und Urin häufig lustig finden und einen durchaus spielerischen Umgang mit diesen Substanzen pflegen. Dass das Interesse von Kindern an Kot allgemein groß ist, zeigt wohl auch die anhaltende Beliebtheit von „Wer hat mir auf den Kopf gemacht?“.

Nun sind die körperlichen Grenzüberschreitungen mit diesen Substanzen nicht beendet. Es gibt auch noch Sex, Geburt und Essen, als relativ alltägliche kulturelle Vorkomnisse, die ebenfalls in unser Kategoriensystem integriert werden müssen. Essen und Mahlzeiten werden kulturell fast immer sehr sehr stark reglementiert. Mary Douglas schreibt sehr viele und nicht besonders spannende Seiten über das Freitagsfasten von irischen Einwanderern in England und über die Speisegebote in der Bibel.

Spannungen auflösen

Wir nehmen also täglich Substanzen zu uns, wir „verleiben sie uns ein“. Erst ist es z.B. ein Apfel, später ist es ein Teil unseres Körpers. Scary, oder?

So schreibt Mary Douglas auch: „Nur was gut zu Denken ist, kann auch gut zu Essen sein.“ Vielleicht zitiert sie da irgendwen Schlauen, ich weiß es nicht mehr. Und je tiefer Kinder mit der Aneignung von Kategorien und Sprache einsteigen, desto mehr müssen auch sie die Widersprüche der Kategoriengrenzen kognitiv bewältigen. Sie müssen die dabei entstehenden Spannungen irgendwie auflösen. Und dafür stehen eben traditionell die psychischen Strategien „Verdrängung alias Tabuisierung“ und „Lachen alias Humor“ zur Verfügung. Und viele Kinder entscheiden sich dann eben für den Humor:

Schau mal, grade war es noch ein Apfel. Jetzt ist es Matschepampe in meinem Mund und dann schlucke ich es runter und dann ist es kein Apfel mehr, sondern ein Teil von mir. Lustig, oder?

Ich finde diese Strategie so schlau und sympathisch, dass ich es nicht über mich bringe, es dem Kind zu untersagen. Auch wenn ich schon erwachsen bin und gelernt habe, dass die Maschepampe im Mund ein ekeliges, schwer kategorisierbares Zwischending ist, um dessen Existenz zwar jeder weiß, das aber dennoch verheimlich werden muss. Matschepampe im Mund ist ein Tabu und nicht WITZIG, VERDAMMTE KACKE NOCHMAL!

Nachwort

Wir wissen jetzt übrigens auch, warum Wörter aus dem Kot- & Urinvokabular bestens als Schimpfworte geeignet sind und Kinder sie in einem bestimmten Alter krass gern benutzen, oder? (Am Ende stets die Transferfähigkeiten prüfen, um zu sehen, ob man verstanden wurde, nech 😉

Ich möchte diesen Artikel übrigens gern als „Beispiel alias Werbung“ dafür nutzen, dass wir als Eltern/Pädagog*innen durchaus nicht nur aus den Neurowissenschaften Erkenntnisse für unseren Alltag mit Kindern gewinnen können.

Man mag jetzt sagen:

Meine Güte, das ist einfach so überlegt anhand von Beobachtungen. Komplizierte Maschinen, sowie Algorithmen zur Auswertung spielen keine Rolle! Das muss SCHEISSE sein!

Dann sage ich:

Haha! Lustig!

Tag 106: Regeln

Es gibt grade diese Reihe über Kindererziehung auf SWR2 Wissen. Besonders im Kopf geblieben ist mir der Teil, wo über Regeln gesprochen wird in der Folge Wie wird mein Kind ein guter Mensch?

Da sagen sie, dass Kinder schon sehr früh verstehen, dass es Regeln gibt, deren Verletzung ganz schlimm ist und welche, die grundsätzlich eher verhandelbar sind. Weiterhin unterscheiden sie zwischen dem persönlichen Bereich und dem konventionellen Bereich. Das ganze hat mich sehr angeregt meine eigene Strukturierung voranzutreiben in Bezug auf Regeln.

Zwei Arten von Regeln:

  • Es gibt Regeln, deren Nichteinhaltung eine schlimme Grenzverletzung darstellen, beispielsweise körperliche Gewalt, absichtliche Schädigung, Gemeinheiten, etc.
  • Es gibt Regeln, die eher aus der Tradition/Gewohnheit entstanden sind und/oder die vornehmlich organisatorische Probleme lösen sollen.

Drei Sphären von Regeln:

  • Es gibt einen persönlichen Bereich, der sich dadurch auszeichnet, dass Entscheidungen die innerhalb dieses Bereichs getroffen werden nur die Person betreffen.
  • Es gibt einen Bereich der Gemeinschaft, wo konkrete Menschen etwas zusammen tun: wohnen, arbeiten, Freizeit verbringen, lernen, etc.
  • Es gibt die gesamte Gesellschaft mit ihren Gesetzen und Konventionen

Es gibt immer Regeln

Zuerst einmal muss man anerkennen, dass es immer Regeln gibt. Es gibt keine regellose Gesellschaft oder Gemeinschaft.

Dann muss man anerkennen, dass Regeln sich sehr stark verändern können. Es gab Zeiten, da war bspw. das Töten von anderen Menschen, die durchaus zur Gesellschaft gehörten, kein Problem. Man durfte etwa Sklaven oder Ehefrauen schlagen, wenn man in der entsprechenden Position war und sie sogar töten, ohne Strafe befürchten zu müssen.

Grade das Tötungsverbot wird in der Philosophie und auch der Anthropologie durchaus interessant beleuchtet. Denn obwohl das Tötungsverbot als eine der krassesten Grenzüberschreitungen gilt, gibt es für diese Regel in so gut wie jeder Gesellschaft Ausnahmen, auch in unserer.

Was also im Bereich der Konventionen oder im Bereich der Grenzverletzung ist, kann sich verändern.

Aber auch die Zugehörigkeit zu den Sphären kann sich ändern. Die Kleiderordnung im Mittelalter legte fest, welche Farben oder Materialien welcher Stand tragen durfte. Diese Grenzen zu überschreiten konnte gefährlich sein. Heute wird dies dem persönlichen Bereich zugeordnet, obgleich immer noch viele Verletzungen von Konventionen mokiert werden (Bspw. was dürfen Frauen über 40/ Dicke/ Männer alles NICHT tragen?)

Es gibt also nicht so etwas wie „natürliche“ Grenzen oder Regeln (ich meine nicht die physikalischen oder biologischen Gesetzmäßigkeiten), die wie selbstverständlich für unsere Kinder gelten und wo „Regulierung“ deshalb keiner Legitimation bedarf, und andere „künstliche“ Regeln oder Grenzen, für die wir uns wegen ihrer Künstlichkeit vor anderen zu rechtfertigen haben.

Die Diskussion über Regeln ist immer eine moralische, auch wenn es um angemessen warme Kleidung oder gesunde Ernährung geht.

Ich glaube es ist wichtig, die Regeln zu kennen und sie sich bewusst zu machen. Grade tradierte Regeln wirken oft unbewusst in uns. Es ist auch wichtig sie den Kindern angemessen zu kommunizieren, so dass sie sie verstehen können.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es ist echt ein scheiß Gefühl, wenn man gegen Regeln verstößt oder Grenzen überschreitet, die man nicht kennt, weil einem niemand gesagt hat, dass sie existieren.

Ob und wann welche Regeln zur Diskussion stehen und wie darüber gesprochen und entschieden wird, ist eine andere Sache. Aber sie erstmal zu kennen, ist eine wichtige Voraussetzung.

Kinder lernen im Spiel auch ganz viel darüber, wie Regeln funktionieren. Denn erstmal muss man ja die Prinzipien, nach denen Regeln funktionieren, begreifen. Darüber spricht Prof Oerter in diesem Podcast von BR2 radiowissen Warum wir spielen – Von Würfeln, Karten und Rollenspielen

Ein Kind kommt in eine Welt, in der Regeln und Grenzen immer schon da sind. Die Frage ist also nicht „ob“, sondern eher „wie“. Wie führen wir das Kind an welche Regeln heran? Wie machen wir begreiflich, wie eine bestimmte Regel funktioniert. Z.B. dass manche Regeln nur für einige Menschen gelten. Ein Beispiel dafür:

Ich stand etwa kürzlich vor dem Problem mit dem Kind unsere Urlaubsplanung zu besprechen. Mein Chef kann Urlaub machen, wann und so lange er möchte, auch spontan und er muss niemanden fragen. Ich muss zuvor einen Antrag stellen und habe nur begrenzte Tage für Urlaub. Das Kind kommt bald in die Schule und kann dann nur noch zu festen Zeiten in den Urlaub fahren. Warum gelten für jeden andere Regeln? Warum müssen wir uns daran halten, auch wenn wir das nicht fair finden?

Ich finde die Unterscheidung in dem Podcast mit meinen kleinen Anbauteilen daran deshalb hilfreich. So kann ich in einem Regelkonflikt schnell entscheiden, womit ich es zu tun habe:

  • Wird eine Grenze überschritten, weil etwa jemand zu Schaden kommt?
  • Greift die Regel in das ein, was ich als persönlichen Bereich sehen würde?
  • Existiert die Regel, weil sie die Organisation in der Gemeinschaft, etwa unserem Haushalt, erleichtern soll und tut sie das auch?
  • Wer muss sich an die Regel halten und wer nicht?
  • Kann das Kind diese Regel verstehen? Und umsetzen?

Regeln sind für Kinder erstmal was Gutes. Sie machen Situationen voraussehbar und geben ganz viel Sicherheit und soziale Stabilität. Sicherlich können Regeln auch dazu genutzt werden, um Hierarchien zu stützen und sehr sehr unfair sein. Aber ich sag es mal so: Wer die Hierarchie des „Ich bin besser als du“ möchte, der findet immer seine Wege. Über Regeln, über Interaktion, über Ideen… Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Was hilft, ist Transparenz und die Bereitschaft über Regeln zu kommunizieren. Und dieses Schema hilft mir dabei, das kindgerecht zu tun, weil es mir Klarheit in meinen Gedanken verschafft.

Tag 105: Stimmungen und Aufmerksamkeit

Stimmungen sind im Gegensatz zu Gefühlen länger da. Gefühle kommen und gehen. Stimmungen halten an. Stunden, Tage, Wochen.

Also ich hab den Eindruck, dass ich nicht mehr glücklich bin, wohl schon zufrieden, nicht unglücklich. Mehr zu dem Thema schrieb ich schon an Tag 100.

Ich messe meine Stimmung

Ich habe mir eine App zur Stimmungsmessung runtergeladen, in der ich Stimmungen kombiniert mit Aktivitäten festhalten und mir dazu auch Notizen machen kann. Ich mache das jetzt erst kurz, aber ich habe mir vier Erinnerungen pro Tag gestellt, damit ich den Tagesablauf erfasse. Den Schlaf und den Morgen bis zur Arbeit. Die Arbeit selbst. Den Nachmittag mit dem Kind und am Ende ein Resümee des Tages. Mit der Nutzung des Notizfeldes hat es was tagebuchähnliches. Ich kann die Daten in CSV exportieren, dass liebe ich ja. Pivot Tabelle ich komme!

Ich hatte vorher schon den Verdacht, und das bestätigt sich bisher, dass ich in einem unheimlichen Gleichklang lebe. Ich fühle mich immer so mittel. Wenn es mal einen Einbruch nach unten gibt, dann lote ich den schnell aus, aber das gilt für den Ausbruch nach oben ebenso. Ich glaube in meinem Fall ist das kein Ergebnis von einer emotionalen Arbeit an mir selbst, sondern es ist meine Persönlichkeit. Es ist die „Mir geht es schon ganz gut, aber die Welt ist furchtbar“-Persönlichkeit. Oder kurz: Melancholischer Typ.

Achtsamkeit – aber nicht als was Besonderes

Ich neige wirklich nicht zum Optimismus und ich kann auch nicht in Allem und Jedem das Gute sehen und immer das Beste hoffen. Es geht einfach nicht. So bin ich nicht. Ich sehe und spüre und erkenne die negativen Dinge ebenso wie die positiven. Ich halte die negativen Erfahrungen aus. Ich versuche nie sie unter den Teppich zu kehren. Und so ist es mit den guten Dingen ebenso, aber ich kann sie nie über ihr Maß hinaus stärken.

Ich habe mich eine ganze Weile mit Meditation und MBSR beschäftigt und ich finde das auch ganz interessant. Aber es bringt mir nichts, denn ich bin eben schon achtsam, schon so lange ich mich erinnern kann, es ist nichts Erarbeitetes, sondern mein Wesen. Natürlich gibt es verschiedene Arten der Achtsamkeit und ich interessiere mich für das Phänomen schon länger, aber eher unter dem weiteren Begriff der Aufmerksamkeit.

Meine kleine Theorie der Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit im Sinne des Bewusstseinsstatus verläuft grob gesagt auf einer Skala

  1. bewusstlos, also vollständig unaufmerksam und ohne Reizverarbeitung
  2. schlafend (wo eben schon noch Wahrnehmungsreize verarbeitet werden und es durchaus auch eine Art von basalem Bewusstsein geben kann)
  3. dämmeriger Wachzustand mit abgemilderter Reizverarbeitung und einem eher unkoordiniert nach innen gerichtetem Bewusstsein
  4. schweifende nach außen gerichtete Aufmerksamkeit, die bewusst wahrgenommen wird
  5. fokussierte nach außen gerichtete, bewusste Aufmerksamkeit (ich würde sagen, dass ist, was man gemeinhin als Konzentration bezeichnet)
  6. Nach innen gerichtete schweifende Aufmerksamkeit, die bewusst wahrgenommen wird (ich wurde sagen, dass ist eine elaborierte Weiterentwicklung von 3)
  7. Nach innen gerichtete fokussierte bewusste Aufmerksamkeit (das hat man im sogemannten Body Scan, aber auch, wenn man beispielsweise einen Schmerz beschreiben muss)
  8. Ein bewusstes Nachdenken, wo also Wahrnehmungsreize nur unbewusst verarbeitet werden

Wenn ich also die Dimensionen meiner Hirntätigkeit betrachte, dann gibt es:

  • Wahrnehmungen
  • Aufmerksamkeit
  • Gedanken
  • Gefühle

Aufmerksamkeit ist dann quasi das Bewusstsein. Sie kann aber eben:

  • verschieden scharf gestellt werden, also weit oder eng
  • mehr nach außen oder innen gerichtet in einem Gleichgewicht sein
  • stark oder schwach ausgeprägt sein

Und das alles in stufenlosen Übergängen und verschiedensten Kombinationen. So kann man die Aufmerksamkeit mehr auf die Wahrnehmung oder die Gedanken oder die Gefühle richten und alle möglichen Kombinationen daraus.

Stimmung ist nun sowas wie die Färbung der Aufmerksamkeit und beeinflusst damit die Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle. Diese wirken aber ihrerseits selbstverständlich auch auf die Stimmung ein, aber die Stimmung ist von allen eben der stabilste Faktor.

Während sich unsere Wahrnehmung quasi millisekündlich ändert, unsere Gedanken ebefalls ständig wandern und unsere Gefühle nur Sekunden bis Stunden anhalten, sind Stimmungen über längere Zeit stabil und halten sehr oft stunden-, tage- oder sogar wochenlang an, obgleich sich die Stimmung auch, vor allem in sozialen Situationen, schlagartig ändern kann.

Deshalb bin ich sehr gespannt, was ich durch die Stimmungsmessung auf Dauer herausfinde.

Tag 104: Selbstregulation

Im Zuge von Debatten, die wohl vorläufig nie an Aktualität einbüßen werden, habe ich mir Gedanken über meine eigene Fähigkeit zur Selbstregulation gemacht, aus meiner Erinnerung als Kind bis heute.

Schlaf

Als Baby musste ich bereits allein schlafen. Das war damals Usus und offenbar (wenn man den Erzählungen meiner Eltern glaubt) kam ich nicht allzu schlecht damit zurecht. Ich war ein Kind, das im Verhältnis zu meinen Altersgenossen recht spät ins Bett durfte. Meine Eltern wachten auch eher halbherzig darüber, ob ich einschlief und ich schlief, so lange ich mich erinnere, spät ein. Und ich erinnere mich, dass ich häufig müde und erschöpft war.

Ich komme bis heute nur schwer zur Ruhe und habe wenig Disziplin darauf zu achten, dass ich genug Schlaf bekomme. Man kann also kaum behaupten, dass die große Freiheit zur Selbstregulation, die meine Eltern mir gelassen haben, von einem gesunden Ergebnis in meinem Erwachsenenleben gekrönt war. Etliche meiner Freundinnen und Freunde, die bezüglich der Bett- und Schlafenszeiten strengere Eltern hatten, achten heute besser auf sich. Herr Uiuiui hatte ebenfalls Eltern, die nicht groß auf das geachtet haben, was man heute auch als „Schlafhygiene“ bezeichnet und sind viel auf die Wünsche ihrer Kinder bezüglich späteres zu Bett gehen eingegangen. Sie haben das wirklich aus dem Prinzip der Bedürfnisorientierung heraus gemacht und die Kinder dabei viel ins Einschlafen begleitet, es war also Freiheit ohne Alleinlassen, anders als bei mir. Herr Uiuiui hat aber nie einen festen Schlafrhythmus gefunden, woran auch immer das liegt, praktisch und gesundheitsfördernd ist es nicht.

Aus dieser Vorgeschichte heraus war es mir immer wichtig mein Kind nicht allein zu lassen in der Regulation des Schlafs. Mein Kind soll nicht allein einschlafen müssen, wenn es das nicht möchte. Und mein Kind soll nicht selbst die Verantwortung dafür tragen, dass es genug Schlaf bekommt, wenn es das noch nicht kann. Deshalb haben wir selbstreguliertes Schlafen zwar immer wieder eine Chance gegeben, aber es abgebrochen, sobald klar wurde, dass das Kind allein nicht in einen Rhythmus findet, indem sein Schlafbedürfnis gedeckt wird.

Ich bin froh, dass wir im Moment eine Lösung gefunden haben, die dem Kind gut tut. Aber obwohl es schon fünf ist, braucht es sehr viel Unterstützung dabei den Schlaf zu regulieren und durchaus auch Strenge, indem wir momentane Wünsche als weniger wichtig einstufen, als das Bedürfnis nach Schlaf. Ich hoffe nun, dass dieser Rhythmus und das Achten auf sich selbst im Laufe der Zeit verinnerlicht wird, so dass das Kind später zur Selbstregulation fähig ist.

Natürlich gibt es viele Leute, die finden ein fünfjähriges Kind sollte (a) im eigenen Bett schlafen und (b) allein einschlafen können. Beides ist noch nicht der Fall bei uns. Ich wüsste auch nicht, wie ich das forcieren könnte, ohne unseren Bedürfnissen nach Schlaf, Nähe und Ruhe dabei zu schaden. Das Kind zeigt bereits Interesse daran im eigenen Bett zu schlafen, traut es sich aber noch nicht zu. Aber immerhin ist es schon ein Ziel im Leben des Kindes. Das allein Einschlafen ist dagegen für’s Kind noch kein Ziel.

Kleidung

Ich kann mit ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass die Wärme- und Kälteregulation durch Kleidung irgendwie biologisch veranlagt ist. Mein Hund kann sein Fell reflexhaft sträuben, wenn ihm kalt ist und hechelt ab, wenn ihm zu heiß ist. Wir Menschen schwitzen und zittern reflexhaft zur Regulation unserer Körpertemperatur. Aber wie wir mit Kleidung unsere Körpertemperatur stützen, das müssen wir lernen. Ich war darin als Kind nicht gut. Ich brauchte locker bis Mitte Zwanzig, bis ich gut und sicher auf meinen Körper geachtet habe. Wie oft bin ich schon in der Grundschule zu dünn gekleidet unterwegs gewesen, weil es mir wichtiger war „chic“ zu sein. Und ja, ich hab dabei gefrohren. Aber bis ich wirklich auch in meinem Körperempfinden begriffen habe, dass ich krank werde, wenn mir längere Zeit etwas kalt ist (nicht erbärmlich zitternd erfrierend kalt, sondern so, dass ich es durchaus noch als erträglich, wenn auch unangenehm empfand), das hat gedauert, lange gedauert. Besonders am Kopf und am Hals darf ich nicht kalt werden. Das hat mir dieses Jahr im überraschend kalten Dänemarkurlaub wieder einmal eine Nebenhöhlenentzündung eingebracht. (Ja, ich weiß, dass Viren und Bakterien krank machen, bitte keine Belehrungen zu diesem Thema, ich mag nicht so erscheinen, aber ich informiere mich und ja, auch zu medizinischen Themen.)

Ich weiß natürlich, dass andere Menschen ganz anders verstoffwechseln und ein besseres Immunsystem haben, als ich. Die erst bei Minustemperaturen einen Pulli anziehen und trotzdem nie krank sind. Das freut mich auch sehr für diese Menschen, aber bei mir ist es nunmal nicht so. Und obwohl mein Kind viel weniger empfindlich gegenüber Kälte ist, so kann es doch noch nicht zuverlässig darauf achten, dass es nicht kalt wird. Grade der Wechsel zwischen Wärme und Kälte ist extrem schwierig zu managen.

Beispiel: Eine Bahnfahrt im Winter zur Arbeit

Ich gehe aus dem Haus und zu Fuß zum Bahnhof. Da ich schnell gehe, komme ich in der dicken Winterjacke schnell ins Schwitzen. Am Bahnhof muss ich warten. Es ist extrem kalt und zugig. Der Zug kommt und ich steige ein. Es ist voll und sehr warm. Überall husten und niesen Leute (Stichwort: Krank wird man nicht durch Kälte, sondern durch Viren und Bakterien!) Am Ziel angekommen wieder der zugige Bahnhof, schnell zur U-Bahn rennen, dabei wieder schwitzen. In der U-Bahn ist es wieder warm. Vor Ort muss ich dann wieder in der Kälte zur Arbeit laufen.

Um dabei die Temperatur zu managen, lasse ich die Jacke offen, während ich schnell zu Fuß unterwegs bin. Stehe ich in der Kälte, mache ich die Jacke zu. In Bahn und U-Bahn ziehe ich die Jacke sofort aus, damit ich nicht schwitze. Wenn es sehr kalt ist, habe ich zusätzlich noch eine extra Wolljacke dabei, die ich zusätzlich im Bahnhof anziehe, während ich warten muss.

Ich weiß nicht, wie viele Kinder diesen Vorgang selbst managen können. Mein Kind kann es nicht. Also unterstütze ich es dabei. Im Zweifel fühle ich am Nacken, wie warm das Kind ist. Manchmal gibt es deshalb Konflikte. Ich zwinge das Kind natürlich nicht in oder aus Kleidung, aber wenn ich merke, dass das Kind friert oder stark schwitzt und dafür aber das Spiel nicht unterbrechen möchte, bleibe ich hart und auch am Ball. Das gibt zwar schonmal einen kurzen Wutanfall, später ist es dann aber zufrieden, weil es ja doch angenehmer ist, wenn es nicht friert oder schwitzt. Was ich aber nicht tue, ist mein eigenes Empfinden zur Grundlage zu machen, sondern ich frage das Kind und fühle im Zweifel nach.

Das Kind ist aber grundsätzlich schon in der Lage sich witterungsangemessen zu kleiden und darf sich deshalb jeden Morgen selbst aussuchen, was es tragen möchte. Und ich kann vollkommen akzeptieren, dass das Kind nur ein langärmliges Shirt braucht, wenn ich bereits einen Pulli tragen muss. Nur bei Wechsel von Temperaturen oder Zuständen (von laufen zu stehen, o.ä.) achte ich darauf, ob Kleidung an oder ausgezogen werden muss.

Selbstregulation: Was noch?

Es gibt andere Bereiche, in denen mein Kind sich sehr gut allein regulieren kann: Auf die Toilette gehen, Essen und Trinken zum Beispiel. Da musste ich mir nie Gedanken drum machen. Ich musste nie groß daran erinnern auf’s Klo zu gehen, nicht zu viel Süßes zu essen oder das Trinken nicht zu vergessen. Andere Eltern sprechen jeden Tag mit den Erzieherinnen darüber, wie viel ihr Kind gegessen hat, weil die Kinder so wenig essen. Das ist bei meinem Kind kein Problem, es isst immer regelmäßig und genug. Es überfuttert sich nie! Es hat in unserer kleinen Familie das regelmäßige Essen quasi etabliert. Da war es mit 3 Jahren schon besser in der Selbstregulation, als wir beiden Erwachsenen.

Ich denke es gibt zahlreiche Bereiche, in denen Menschen Selbstregulation lernen müssen. Ich kann hier gar nicht alle aufzählen, aber neben den hier bereits genannten (Schlaf, Kleidung, Toilette, Ernährung), fallen mir spontan noch als große Bereiche ein: Bewegung, Gefühle, Stimmungen, Impulse, Aufmerksamkeit. Was fällt Euch noch ein?

Jedes Kind wird sich in seiner Regulationsfähigkeit in jedem Bereich ganz individuell entwickeln und ich glaube daran, dass die Eltern Expertinnen sind, den momentanen Stand ihrer Kinder zu kennen. Es mag immer wieder Situationen geben, da ist respektvolles und konstruktives Feedback von anderen sinnvoll – aber nur falls es gewünscht und erfragt wird!

Es ist ganz wichtig, dem Kind zuzuhören, wenn es bereits erzählen kann und mag. Aber das setzte ich erstmal immer als selbstverständlich voraus, selbstverständlich ist das so! Ich unterstelle Eltern nicht ohne weiteres, dass es am nicht-ihren-Kindern-Zuhören/ nicht-auf-ihre-Kinder-achten liegt, wenn sie von Problemen oder ihrer Situation erzählen.

Das ist für mich einer der Grundbausteine von respektvoller Elterschaft, dass ich nicht nur meinem Kind, sondern auch anderen Eltern auf Augenhöhe begegne. Dass ich mich für ihre Geschichten interessiere, ihnen zuhöre und glaube, sie ernst nehme.

Selbstregulation ist in unserer Gesellschaft eine Lebensaufgabe, denn ständig müssen wir uns an irgendwas anpassen: Vom Wetter bis hin zu sozialen Erwartungen, alles kann sich radikal ändern. Und da wir alle verschieden sind und in unterschiedlichen Umgebungen leben, wird es niemals einen Königsweg zur Selbstregulation geben.

Deshalb bin ich interessiert an Euren Geschichten, möchte zuhören bzw. lesen. Was sind Eure Bereiche, wo Regulation Euch schwer fällt, was erlebt Ihr mit Euren Kindern, welche Strategien habt Ihr entwickelt, welchen Einfluss hat Eure spezifische Konstitution und Eure Umwelt?

Tag 103: Podcast Tipps

Ohne große Vorrede meine liebsten Podcasts, die ich in den letzten Wochen gehört habe:

  1. Über die Orgel! Ein Ohrenschmaus! Ich hab mal auf arte eine Doku über einen Orgelbauer gehört. Jetzt hab ich richtig Lust nach dem Podcast in die Kirche zu gehen, um Orgelmusik zu hören: BR2 radiowissen Die Orgel und ihr Gebrauch – von der Königin der Instrumente
  2. Mit dem von mir geschätzen Prof. Dieter Wolke auf SWR2 Wissen Frühchen und ihre Eltern: Hilfen beim vorzeitigen Start ins Leben
  3. Ich bin sehr begeistert über diesen Podcast, der sich mit den neuen Entwicklungen bei der Gabe von Psychopharmaka beschäftigt und auch mit den Marketing Veränderungen in der Branche und ihrer momentanen Krise: Von WDR5 Dok 5 Das Feature Zudröhnen oder Ausschleichen? Die neuen Pfade der Psychiatrie
  4. Diese beiden historischen Folgen von BR2 radiowissen: Die Geschichte der Imkerei – Das Geschäft mit der Biene und Die Geschichte der Schäferei – Ein spartanisches Idyll (Triggerwarnung: Eine Beschreibung des Schäfers über die Gefahren für frisch geborene Lämmer ist sehr schockierend)
  5. Und wieder einmal zuletzt ein ganz besonderer Liebling, eine toll gemachte Radiosendung, spannend, informativ und ein Stück deutscher Geschichte, die ich viel zu wenig kenne, nämlich DDR Geschichte: WDR5 Dok 5 Das Feature Ein Schuss fiel im Politbüro: Erich Apel

Jetzt kann ich Euch nur noch viel Spaß beim Hören wünschen!

Tag 102: Zuhören

Die nächste Erkältung ist also da. Die letzte habe ich doch kaum verwunden. Und ja, jetzt geht es schon weiter.

Qualität ist hier also nicht zu erwarten. Schade eigentlich, ich mag ja Qualität. (Also Qualität nenne ich es im Rahmen meiner eigenen Ansprüche, ich denke nicht, dass meine bescheidenen Worte globale Qualitätsansprüche irgendeiner Art erfüllen.)

Ich schreibe dennoch, weil es so einige Gedanken gibt, die in meinem Kopf wuseln und ich möchte sie gern ein wenig bändigen. Es wird schwierig, denn sie sind wild und schnell und wollen sich keinesfalls zähmen lassen. Und mein Bewusstsein ist geschwächt durch die Krankheit. Es ist ein Kampf zwischen zwei ungleichen Gegnern. Ich hoffe Ihr seht mir das nach.

Es könnten ungewöhnliche Gegenteile von Dingen ungenannt bleiben, die Euch in ihrer Gegenteiligkeit zu schwarz weiß erscheinen. Bitte verzeiht mir deshalb, wenn die Differenziertheit der Welt sich nicht in jedem Wort und seinem eventuell anzunehmenden Gegenteil findet, das ich hier nutzen werde. Und entschuldigt auch die eventuelle Unverständlichkeit dieser und folgender Sätze.

Kürzlich hörte ich einen Podcast übers Zuhören:

Zuhören – Eine vergessene Kunst (SWR2 Wissen)

Ich fand ihn nur so mittelgut, vor allem weil für mich als Fachwissenschaftlerin dieses schwammige und rundum idealisierte „wirkliche“ Zuhören etwas esoterisch ist. Es ist ein konstitutionelles Kennzeichen von Kommunikation, dass wir niemals sicher wissen können, ob die Zuhörenden „wirklich“ verstehen. Denn Verständnis ist in Kommunikation immer ein vorläufiger Befund. Es ist eine pragmatische Übereinkunft, dass wir auf Grund von verschiedenen teilweise minimalen Zeichen unseres Gegenübers vorerst davon ausgehen möchten, dass wir uns gegenseitig verstanden haben. Sobald wir wiederum Indizien dafür finden, dass dieses Verständnis doch nicht erreicht wurde, ergreifen wir erneut Maßnahmen, um es noch zu erreichen. Die Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich intensiv mit dem Problem des Verständnis und der Podcast wirkt vor diesem Hintergrund so seicht wie eine Vorabendserie.

Statt also zu bemängeln, wie wenig verbreitet das „wirkliche“ Zuhören ist, könnte man den dominanten kulturellen Strukturen über Sprechen und Zuhören ein wenig Aufmerksamkeit widmen und feststellen, dass das Zuhören in unserer Kultur nicht grade einen hohen Stellenwert hat. Ich finde den vorgestellten Befund der Harvard University interessant, dass Sprechen über sich selbst die gleichen Hirnareale aktiviert, wie Nahrung, Geld und Sex. Ich denke nicht, dass wir ohne weiteres sagen können, dass über sich selbst Sprechen ein fundamentales menschliches Bedürfnis ist. Ich gehe vielmehr davon aus, dass es in unserer Kultur zu einem solchen fundamentalen Bedürfnis wird. Denn unsere Kultur ist sehr individualistisch und über sich selbst zu sprechen ist in unserer Kultur eine Technik, um sich seiner Identität im sozialen Gefüge zu versichern.

Es ist also etwas dran, an dem Satz, den sie im Podcast am Anfang sagen: Zuhören sollen immer die anderen! (Was erstmal nur für unsere westliche Kultur gilt.) Es ist auch etwas dran, dass Zuhören schwierig ist, denn wir als Zuhörende müssen versuchen in unserem Kopf ein Abbild dessen zu erschaffen, was die sprechende Person in ihrem Kopf hat. Diese Schwierigkeit wird landläufig unterschätzt.

Ich möchte aber trotzdem im Folgenden bei dem Problem des Podcasts bleiben, dass zu wenig „wirklich“ zugehört wird. Warum ist das so? Eine kleine unvollständige Liste mit möglichen Gründen:

  • Sprechen zu können, tut uns oft gut. Wir können uns so selbst validieren.
  • Wir können im Sprechen unsere Gedanken verfertigen und so zu größerer Klarheit kommen (Exkurs: Kleist hat darüber übrigens einen sexistischen Aufsatz geschrieben, den ich im Studium lesen musste, aber wir durften den Sexismus nicht thematisieren, weil darum geht es ja nicht. Dieser unkonstruktive Umgang mit Diskriminierung an der Hochschule ist meiner Ansicht nach ein riesen Problem. Es geht immer grade um was anderes. Nein, wenn dieses Andere auch mit Diskriminierung argumentiert, dann sollte es auch darum gehen dürfen, statt die Diskurse darüber ständig im Keim zu ersticken. Aber das führt weg vom Thema…)
  • Wir können durch Sprechen häufig unseren Status festigen, wir können unseren Ansichten Raum verschaffen und unliebsamen Ansichten Raum nehmen.
  • Zuhören ist anstrengend, denn wir müssen uns dafür in die Gedankenwelt der sprechenden Person eindenken und ihr folgen.
  • Zuhören ist häufig mit einem weniger angesehen Status versehen und Zuhörende werden oft auch als eine passive Masse angesehen, in die sprechende Personen ihre Weisheit einfüllen, als wären zuhörende Personen leere Gefäße. Zuhören gilt als passiv und untätig.
  • Die Zeit, in der wir zuhören, können wir nicht nutzen, um selbst zu sprechen.
  • Wenn andere sprechen, kommen wir oft selbst auf Gedanken und wenn wir diese nicht sofort aussprechen, dann könnten wir sie verlieren oder sie könnten später nicht mehr passen.

Kürzlich sprach ich mit meiner sehr lieben und noch viel klügeren Online-Freundin Caro über das Zuhören und welche besonderen Kennzeichen das „wirkliche“ Zuhören hat. Nämlich die Offenheit für das, was die andere Person zu sagen hat. Die Bereitschaft sich durch das, was die andere Person sagt, tatsächlich überzeugen zu lassen.

Das ist so schwierig, weil ja Sprechen eben eine wichtige soziale Technik ist, seinen Platz im sozialen Gefüge zu erkennen, finden, erhalten oder verbessern. „Wirkliches“ Zuhören führt da potentiell zu einer Umverteilung von sozialen Ressourcen. Ich konnte im Berufsleben beispielsweise sehr oft beobachten, dass platzhirschiges Dauergerede, ohne jede Bereitschaft zum „wirklichen“ Zuhören der Karriere von Personen überaus förderlich war. Das wird oft zusammengefasst mit den Worten: „Der kann sich gut darstellen.“

Wenn Chefs ihren Angestellten oder Ärtze ihren Patienten „wirklich“ zuhören, dann bedeutet dies meistens, dass daraus auch Konsequenzen folgen. Dass man bereit ist sich und sein Verhalten zu ändern.

Es ist äußerst problematisch, wenn diese Haltung nur von einer Seite eingenommen wird, während die andere Seite im kulturell dominaten Kommunikationsmodus bleibt. Denn so kann die Wechselseitigkeit von Kommunikation komplett ausgehebelt werden und die zuhörende Seite verliert ihren sozialen Raum. „Wirkliches“ Zuhören hat deshalb besonders gute Chancen, wenn es von oben nach unten genutzt wird oder zwischen Gleichgestellten.

Empfindet sich eine Person in einem Gespräch als statushöher/wertvoller (umabhängig davon, ob und wie sie dies nach objektiven Kriterien ist), dann schneidet man sich mit „wirklichem“ Zuhören mit großer Wahrscheinlichkeit ins eigene Fleisch, denn diese Person wird ihre Chance ausgibig nutzen ihren Platz im sozialen Gefüge zu verbessern oder sich selbst zu validieren. Einen sehr guten Ausgleich ist in solchen Fällen (Menschen, die sich notorisch für was besseres halten), wenn die „wirklich“ zuhörende Person faktisch einen höheren Status hat, denn dann hat sie viele Möglichkeiten sich sozialen Raum (wieder) anzueigenen, bzw. kann dieser zu guten Teilen nicht annektiert werden. Wenn man oben steht, hat man weniger zu verlieren beim „wirklichen“ Zuhören.

Da „wirkliches“ Zuhören in unserer Kultur tendenziell eher mit einem niedrigen Status assoziiert wird, wird diskriminierten Menschen oft abverlangt, dass sie gut Zuhören und sie lernen es deshalb notgedrungen in ihrer Sozialisation mit größerer Wahrscheinlichkeit. Menschen, die dagegen in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie etwas besseres sind, als andere, dass sie über anderen stehen, lernen das „wirkliche“ Zuhören daher tendenziell weniger.

Aber an sich spielen beim Thema Zuhören Können oder Wollen selbstverständlich viele Faktoren hinein: Persönlichkeit, Ausbildung und Beruf, Umfeld, Werte, Stimmungen und Befinden, etc.

Ich nehme von mir an, dass ich zuweilen eine gute und angenehme Zuhörerin bin. Viele Menschen sprechen gern mit mir (einige selbstverständlich auch nicht). Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl alle in meinem Umfeld brauchen mich grade als Zuhörerin. Dann merke ich, wie sehr das erschöpfen kann, wie viel dieses „wirkliche“ Zuhören fordert.

Zuhören ist eine Fähigkeit und tatsächlich machen wir uns im Verhältnis recht wenig Gedanken darüber, wie wir sie trainieren können. Es gibt viele Seminare darüber besser zu reden, schreiben, präsentieren zu können. Seminare dafür ganz allgemein unsere Verständnisfähigkeit zu verbessern, um bessere Zuhörer*innen oder Leser*innen zu werden, sind dagegen seltener. Und ich sehe etwa Speed-Reading-Seminare eher als das Gegenteil an.

Eine Idee davon, was hochwertiges Zuhören ausmacht, vermittelt der Podcast schon. Wenn Ihr ihn gehört habt, würde mich Eure Meinung dazu interessieren. Und auch davon ab, was sind Eure Gedanken zum Zuhören? Sie interessieren mich sehr.