Tag 98: No more Urlaubstagebuch

Ich stehe davor eine Entscheidung zu treffen.

Vorgeschichte: Vor einigen Jahren beschloss ich ein Projekt zu verlassen, das mir nicht gut tat. Allein die Entscheidung zu treffen, dass ich so ein Projekt nie wieder machen werde, dass ich auch nichts sagen oder tun werde, mich weder verabschieden noch erklären werde, führte dazu, dass ich mich auf einen Schlag um Welten besser fühlte.

Grundsätzliches: Es gibt manchmal Dinge, die man loslassen muss. Weil sie einem schaden, obwohl sie für die Mehrheit der Menschen ganz großartig sind. Und obwohl man sich gern vorstellt, wie man auch selbst sich darin großartig fühlen wird.

Beispiel: Ich finde die Idee bezaubernd, mein Heim saisonal zu dekorieren. Nur ich kann es nicht, es sieht nicht aus, es wird einfach nie was und der Frust ist groß bei mir. Also lasse ich es. Ich hab radikal akzeptiert, dass ich das nicht kann. Ich spare mir meine Ideen und Energie für anderes auf.

Die eigentliche Entscheidung: Jetzt grade bin ich an dem Punkt, dass ich denke: Ich mache keinen Urlaub mehr. Sicher hatte ich auch schon schöne Urlaube. Aber so summa summarum waren viele auch echt kacke und wenn sie doch toll waren, dann war das Drumherum scheiße. Stress wegen Urlaubsantrag. Oder diekt im Anschluss schlimm krank, wie nach Dänemark. Diesmal hab ich mir im Urlaub ne verkackte Erkältung eingefangen, das Kind auch. Und ich war doch grade eben erst wieder ganz gesund. Ich mag nicht mehr!

Ich finde Urlaub, wenn ich das auf mein Erwachsenenleben mal resümieren darf, einfach zu stressig. Klar ist auch mal schön. Aber Zuhause ist auch schön. Wofür habe ich so ein nettes Heim in idyllischer Umgebung? Dazu ist Urlaub immer klimaschädlich. Außer Urlaub Zuhause. Ich tue also noch was für die Umwelt. Und wenn meine Verwandten in aller Welt wichtige Ereignisse haben, wie etwa die in (einer noch nicht genau datierten) Zukunft liegende Geburt meines Niblings, dann fliege ich hin. Nicht als Urlaub, sondern als Nibling-Event. Nibling-Sibling-Power-Konzentrat! Aber sonst bleibe ich in meinen Urlauben Zuhause und entspanne mich dort. Also wirklich entspannen. Und ja: Auch Dinge erledigen, die ich sonst nicht schaffe, was mich wiederum im Alltag entspannt.

Wenn ich was von der Welt sehen möchte, gucke ich mir Reiseberichte auf arte, Instagram oder YouTube an. Oder lese darüber. So kann ich mit dem Gesäß* im heimischen Sessel alles kennenlernen, was ich möchte.

Vielleicht werde ich diesen Entschluss irgendwann revidieren. Vielleicht schon nächstes Jahr. Aber jetzt grade hab ich so Bock darauf, diese Entscheidung zu treffen.

Ich finde es etwas witzig, weil meine Oma auch nie in den Urlaub fahren wollte (das könnt Ihr hier nachlesen). Als Kind hab ich nie kapiert warum. Und jetzt werde ich selbst so? Eine spleenige Olle**, die sich an Haus und Garten festklammert?

Das Kind und Herr Uiuiui finden die Entscheidung übrigens absolut scheiße***. Sie wollen in Urlaub fahren und ich soll unbedingt dabei sein. Aber ich kann mir das grade echt nicht mehr vorstellen. Ich hab den Tee so auf von dem ganzen Stress. Ich will nicht mehr in Urlaub fahren. Zumindest die nächsten Jahre nicht mehr. Dann kann das Kind höchst gern mit dem guten Herrn Papa allein fahren. Im Wohnmobil durch die Ardennen, oder sonstwas. Ich mag nicht mehr.

Bevor wir losgefahren sind, hatte ich so ein Meerweh. Und dann war ich hier und wollte die ganze Zeit nur Heim. Wir waren fast jeden Tag am Meer. Das Wetter war super! Echt warm, wir konnten baden. Und ich hab nur kack Laune! Die kann ich auch Daheim haben.

Vielleicht liegt es am fehlenden Geruchssinn dank der Erkältung. Vielleicht ist das Riechen der Urlaubsorte so wichtig für mich, dass alles fehlt, weil der Geruch fehlt. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich auch nur bockig grade. Aber die Idee habe ich schon länger. Und vielleicht würde dieser Entschluss mich so entlasten, wie damals der Abschied von diesem o.g. Projekt.

Früher, ohne Kind, war ein erschöpfender Kackurlaub auch nicht so dramatisch. Zwei Wochenenden ordentlich ausschlafen und abchillen, dann war alles wieder tutti. Seit das Kind da ist, brauche ich aber oft Monate, um mich von solchen Urlauben zu erholen. Da sinkt einfach das Erlebnis-Erholungs-Verhältnis rapide ab. Ich denke mir, dass Urlaub erst wieder für mich attraktiv wird, wenn ich in einem besseren allgemeinregenerierten Zustand bin. Und Kind 2 ist ja auch noch nicht 100% vom Tisch. Wie soll das gehen? Wann soll das sein? Was habe ich davon, mich immer wieder zu Urlaub überreden zu lassen (teilweise von mir selbst!), wenn ich danach ggf. Monate geschafft bin?

Hach hach hach. Fragen über Fragen. Zweifel. Bin ich eigentlich die einzige, die Urlaub (ggf. seit Kind) so anstrengend findet, dass sie lieber ganz verzichtet? Bitte schreibt mir doch dazu!

Eure müde

Frau Uiuiui

* Hier: Immer schön die „richtigen“ Worte für den Intimbereich verwenden. Wegen der Kinder und nicht schämen, etc! Penis, Scheide, Gesäß! Gesäß! Mal ehrlich: Wer sagt bitteschön „Gesäß“?

** Glaubt jetzt bloß nicht, dass jemand meine Oma hätte spleenige Olle nennen dürfen! Kam auch nie jemand auf die Idee. „Aber das ist auch ne ganz andere Generation, Esther! Deine Oma hatte auch keinen Führerschein! Du schon!“ So und nun? Esther = Spleenige Olle: ja/nein?

*** Im Rahmen von: Immer das „richtige Wort“ für intime Angelegenheiten, hätte es ggf. „kotig“ heißen müssen. Da „scheiße“ in dem Fall metaphorisch gemeint war, ließ ich es so stehen. Ich hoffe der Eltern TÜV kommt jetzt nicht.

Tag 97: Tuchyoga

Ich möchte Euch heute mal ein wenig vom Tuchyoga erzählen. Denn seit ich im Urlaub bin, pausiere ich und ich merke: Das ist bitter. Ich habe im Februar diesen Jahres damit angefangen und zur Zeit kann ich mir nicht vorstellen, damit aufzuhören. Ich habe jetzt ein äußerst ungutes Timing, denn in der Woche nach meiner Rückkehr wird mein Tuchyoga Kurs auch noch ausfallen, weil die Trainerin in Urlaub ist. Das sind insgesamt 4 Wochen ohne Tuchyoga und das ist nicht gut.

Hängende Blüten

Es war Ende der 1990er Jahre, als ich mich ein wenig mit Yoga beschäftigte und beschloss, dass das eine Art der Bewegung ist, die mir liegt. Ich war früher ein relativ beweglicher Mensch, aber mir wiederstrebt herkömmlicher Sport, weil ich mich in Wettbewerbssituationen nicht wohl fühle. Das war schon immer so. Als ich noch ein Kind war, hat meine Mutter alle Gesellschaftsspiele so gespielt, dass es immer (auch gegen jede offizielle Regel) unentschieden ausging. Ich konnte es nicht ertragen zu verlieren und ich konnte es nicht ertragen, wenn die verloren, die mir lieb waren. Am schlimmsten war das Spielen mit meinem Vater, der sich immer total aufspielte, wenn er gewann und sich über die Verlierer lustig machte. Ich kann bis heute mit solchen Leuten keine Spiele spielen, ich finde das un-er-träg-lich!

Yoga ist da so ganz anders. Jede in ihrer Geschwindigkeit, jede so, wie sie kann, jede so, wie sie sich wohl fühlt. Es geht nicht darum ständig an seine Grenzen zu kommen und sie zu überwinden, sondern es geht um ein gutes Körpergefühl und darum sich dehnbar und geschmeidig zu halten. Ich suchte mir einen Yogakurs in der ansässigen VHS raus und zusammen mit meinem Freund gingen wir dort ein halbes Jahr hin. Außer uns waren dort zu 80% Rentnerinnen und Rentner und der Rest war außer uns in den 30ern oder 40ern und hatten gesundheitliche Probleme. Yoga wurde als eine Art therapeutische Anwendung gesehen. In diesem Umfeld waren mein Freund und ich, gesund und Anfang zwanzig, natürlich die Beweglichkeits-Stars und konnten alles. Das wurde neidlos anerkannt und uns war dann gegen Ende des Kurses doch ein wenig langweilig. Die Trainerin würde aber alle folgenden Kurse wieder ganz genauso abhalten. Deshalb buchten wir keine weiteren Kurse.

Ich versuchte es in den folgenden Jahren mit Yoga nach Büchern, aber es wurde nicht zu einer täglichen Praxis. Ich hatte auch zu viel Sorge, dass ich mir falsche und schädliche Bewegungsabläufe angewöhnen würde. Ich nahm mir immer wieder vor, zu einem Kurs zu gehen, aber tat es erst, als ich schwanger war. Das Schwangerschaftsyoga war ganz toll, es hat mir sehr geholfen und das letzte Trimester war wohl die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich jeden Tag (JEDEN TAG!) Yoga übte. Ich hatte ganz plötzlich einen anderen Schlafrhythmus. Ich schlief abends spätestens um 20 Uhr ein, wie ein Stein und wachte am nächsten Morgen spätestens um 5 Uhr auf und konnte nicht mehr schlafen. Also übte ich in der Zeit bis zum regulären Aufstehen erst die Selbsthypnose für die Geburt und sobald die Dämmerung begann, machte ich ca. eine Stunde Yoga. Es war für meine Geburt beides sehr hilfreich und es hat mich in den schweren Zeiten der Schwangerschaft unglaublich getragen.

Nach der Geburt entwickelte ich aber einen Widerwillen gegen Yoga. Das Problem ist: Es passt sehr gut zu mir, es hilft mir sehr mich körperlich besser zu fühlen, aber es langweilt mich auch unendlich. Oder, um es mit den Worten von Niles Crane zu sagen: „Das ist langweilig und schwierig.“ Als dann ein neues Yogastudio öffnete und auch Tuchyoga bewarb, da dachte ich sofort: „Oh, im Tuch hängen und Yoga machen, das klingt etwas weniger langweilig, das könnte was für mich sein.“

Wenn Ihr einen Eindruck gewinnen wollt, wie Tuchyoga so funktioniert, dann könnt Ihr bei YouTube unter Aerial Yoga suchen.

Ich machte eine Probestunde und war begeistert. Die Gründe sind:

  1. Ich fühle mich im Tuch unheimlich wohl und kann dort gut entspannen. Ich fühle mich so, wie ich mir vorstelle, dass es ganz ähnlich für ein Baby im Uterus ist: Eng aber nicht einengend, sanft schaukelnd, gestützt und sicher. Das bringt mich von ganz allein in eine Tiefenentspannung, die ich nirgends, wirklich nirgends sonst erreichen kann. Mir geht auch das Gerede der Trainerin völlig ab in der Zeit, ich stelle bei der Anfangs- und Endentspannung die Ohren auf Durchzug und genieße einfach diese wohlige perfekte Entspannung, die ich in meinem Alltag so vermisse, dass ich darüber nachdenke, wie ich in unser Haus doch irgendwie ein Tuch gebastelt bekomme. Man braucht leider sehr viel freien Raum für so ein Tuch, den wir in keinem einzigen Zimmer so haben. Vielleicht schaffe ich es aber mir eine Art Ständer für den Garten zu bauen, in dem ich dann das Tuch aufhängen kann.
  2. Mein Rücken kann sich im Tuch so bewegen und entfalten, wie es ihm entspricht, wie es ihm gut tut, er kann sich wieder ausrichten und so Verspannungen und Fehlhaltungen ausgleichen. Er findet seine Mitte wieder und alles renkt sich wieder dort ein, wo es hingehört. Das tut mir so richtig gut, denn grade in stressigen Zeiten sacke ich von Tag zu Tag immer mehr zusammen und das zahlt mein Rücken mir früher oder später heim. Beim Tuchyoga hilft mir grade das Aushängen nach unten, während ich im Tuch hänge. Es richtet den Rücken wieder richtig schön aus, gibt den Bandscheiben die Gelegenheit wieder an ihren Platz zu rutschen und richtet mich wieder auf.
  3. Mit Hilfe des Tuchs kann man auch sehr schwierige Yogaübungen machen, weil das Tuch einen stützt und einem grade beim Gleichgewichthalten hilft. So kann ich viele Übungen sehr gut und sicher ausführen, für die ich sonst erst noch sehr viel mehr Körperkraft und Körperbeherrschung, sowie Gleichgewichtssinn aufbauen müsste. Man kann jetzt natürlich sagen, das sei geschummelt, aber mir hilft es ungemein, ich kann jetzt auch ohne Tuch viele Übungen ganz gut ausführen, mit denen ich früher, als ich insgesamt noch deutlich fitter und gelenkiger war, mehr Probleme hatte.
  4. Das Tuch und das leichte oder stärkere Schaukeln machen für mich die Yoga Übungen viel abwechslungsreicher und interessanter. Früher war Yoga für mich nützlich, meiner Gesundheit und meinen Wohlbefinden förderlich, aber wirklich fast unerträglich langweilig. Das ist im Tuch deutlich besser. Das Tuch bietet so eine Grundbelastung des Gleichgewichtssinns, den ich persönlich als interessant und anregend empfinde. Das ist sicherlich für jeden Menschen anders, aber mir macht Schaukeln eben Spaß und es macht mir auch sehr viel Freude im Tuch herumzuturnen, deshalb ist Yoga für mich im Tuch um ca. 80% weniger langweilig.
  5. Kommen wir zum letzten und wichtigsten Punkt: Die Faszien. Ich war immer ein beweglicher Mensch, aber in der Schwangerschaft habe ich gelernt, dass das Bindegewebe mein Schwachpunkt ist. Ich habe mich später über die Faszien informiert und erkannt, dass ich ein spezielles Training der Faszien brauche, um mit den gesundheitlichen Malaissen klar zu kommen, die in der Schwangerschaft am Bindegewebe entstanden sind. Und das Tuchyoga erfüllt diese Anforderung zu 100%. Meine Probleme mit den schwierigen Stellen gehen so stark zurück, dass ich quasi schmerzfrei bin, meine sonst häufigen Kopfschmerzen lassen nach, mein Gesundheitszustand verbessert sich deutlich.

Ich habe schon verschiedenes Feedback bekommen. Manche Leute, grade wenn sie schon sehr geübt sind im Yoga, finden dass gar nicht anstrengend ist und die Entspannung dort im Fordergund steht. Andere Menschen, die z.B. weniger sportlich sind (so wie ich), finden dass Tuchyoga sehr anstrengend sein kann. Nachdem ich mit meiner Tuchyoga Trainerin das Studio gewechselt habe und nach längerer Sommerpause wieder eingestiegen bin, hat sie intensiv mit dem Tuch und der Faszien-Rolle trainiert. MEINE GÜTE WAR DAS HART. Viele andere Teilnehmerinnen haben auch gestöhnt. Da hatte ich echt zwischendurch gedacht: Boah krass, ich wäre jetzt echt dankbar, wenn meine Existenz spontan enden würde.

Deshalb muss ich mir den Grundsatz des Yoga immer wieder vergegenwärtigen, dass man nämlich immer nur so viel macht, wie man als erträglich, angenehm, aushaltbar empfindet. Ehrgeiz hat im Yoga keinen Platz und daran muss selbst ich, als jemand der Wettbewerb hasst, mich während der Yoga-Übungen erinnern. Ich muss mir dann sagen: Hör auf dich mit deinem früheren, gelenkigeren und kräftigeren Ich zu vergleichen, sondern mach wirklich nur so viel, wie dir gut tut! Das ist wirklich sehr wichtig, denn sonst ist es kein Spaß mehr für mich, sondern eher eine Folter und das ist für mich nicht der Sinn der Sache. Es gibt in mir echt wenig Lust an Masochismus. Wenn die Trainerin dann acht Wiederholungen ansetzt und ich nach fünf schon denke, dass es mir reicht, dann mach ich eben nur fünf. Und wenn mir manche Übungen zu heftig sind, dann mache ich sie nur in einer sehr abgeschwächten Variante mit und höre sofort auf, wenn es mir unangenehm wird und schaukel stattdessen ein wenig.

Es gibt ein paar Dinge, die man beachten muss für Tuchyoga:

  1. Man sollte schwindelfrei sein, sonst hat es keinen Sinn.
  2. Wenn man am Trainingstag unter Kreislaufproblemen leidet, dann sollte man es wirklich sehr ruhig angehen lassen und sehr auf sich achten.
  3. Auf etlichen Tuchyoga-Seiten heißt es, man solle ab zwei Stunden vor Beginn des Trainings nichts mehr essen. Bei mir reicht das definitiv nicht aus. Wenn ich vier Stunden vor dem Training noch was esse, dann leide ich während des Trainings darunter. Deshalb nehme ich mir immer wieder vor am Tag des Trainings zu fasten. Selbstverständlich habe ich dann am Trainingstag schon morgens einen Bärenhunger (was sonst nie vorkommt). Aber am Trainingstag nur etwas leichtes essen und so lange wie möglich vor dem Trainings nichts mehr zu essen, ist für mich sehr wichtig. Andere sind da aber weniger empfindlich. Ich habe zu den Problemen, die mir dann beim Tuchyoga durch die Verdauung entstehen, auch hier schon geschrieben.
  4. Wie immer sollte man bei gesundheitlicher Vorbelastung mit der Ärztin oder dem Artz des Vertrauens sprechen, ob Tuchyoga okay ist, bwz. worauf man achten sollte. Weiterhin ist, wie so oft, die Trainerin oder der Trainer sehr entscheidend. Man kann Tuchyoga auch richtig ehrgeizig machen und den Fokus eher auf Akrobatik legen. Dann ist es mit Sicherheit sehr sehr anstrengend und eher für Menschen geeignet, die bereits viel Kraft, Kondition und Körperbeherrschung aufgebaut haben. Bei meiner Yogatrainerin ist das nicht so. Sie sagt immer, es sei auch ohne Vorkenntnisse möglich bei ihr mitzumachen, allerdings ist bei allen ihren Kursen meines Wissens nach noch nie eine Frau aufgetraucht, die nicht schon Erfahrungen mit Yoga gemacht hat. (Einen Mann habe ich in ihren Kursen noch nie gesehen.) Wenn man ihr sagt, dass man Probleme mit XY hat, dann nimmt sie darauf extra Rücksicht und wandelt für einen persönlich Übungen ab, die einem sonst möglicherweise schaden könnten. Das finde ich sehr gut.

So viel also zum Tuchyoga und warum ich es so vermisse.

Tag 97: Karneval

Bis ich 10 Jahre alt war, war Karneval definitiv der wichtigste Tag im Jahr für mich. Meine Mutter und ich begannen bereits im November mit der Planung meines Kostüms. Ich hatte – um hier meine Mutter zu zitieren – „absurd präzise Vorstellungen von meinem Kostüm“ und zwar bis ins Detail. Leider können Kinder ihre Vorstellungen jedoch oft nur unzureichend verbalisieren.

  • Exkurs: Wer schon mal an kreativen Prozessen in Teams beteiligt war, kann abschätzen was für krasse Kommunikationsfähigkeiten das erfordert. Die Theory of Mind muss wirklich immens ausgeprägt sein, oder die Beteiligten brauchen eine riesen Portion Geduld, oder beides. Und dazu sind auch noch weitere eher seltene soziale Fähigkeiten von Nutzen, etwa konstruktiv kritisieren, sowie Kritik ertragen zu können, den Geschmack von anderen anzunehmen, statt ihn abzuwerten, etc. Nur wenige Menschen verfügen über dieses Bündel an Fähigkeiten, weshalb künstlerische Prozesse in Gruppen vermutlich so häufig dramatisch verlaufen und nicht selten in verstörenden Ausbrüchen enden. Ich denke schon, dass Krearivität auch von Reibung lebt, aber wenn die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten von mehreren Beteiligten ganz unterirdisch sind, dann neigen solche kreativen Prozesse zum Traumatischen. Das Ergebnis ist deshalb nicht unbedingt schlecht, aber die Gefahr ist groß, dass die Beteiligten dabei verheizt werden. Ich finde das darf nicht vom Tisch gewischt werden, nur weil das Ergebnis unter Umständen gut ist. Exkurs Ende.

Blick auf's Meer

Zurück zum Karnevalskostüm: Meine Mutter versuchte also zu Beginn der jecken Zeit im November mit mir das Kostüm zu entwerfen. Sie versuchte meine Vorstellung zu erfassen und mit mir zu besprechen, was umsetzbar ist. Das Kostüm wurde dann von ihr selbst genäht, gestrickt, gebastelt. Häufig wurde dann bei der ersten Anprobe noch ein riesen Heulanfall meinerseits fällig, weil irgendwelche Details nicht richtig waren. Es war dann aber nur schwer zu eruieren, was ich genau wollte. Heute kann ich mir sehr lebhaft vorstellen, wie stressig und unangenehm das für meine Mutter war.

Was waren das für Kostüme?

Als ich vier war, da ging ich als Robin Hood und zwar war ich inspiriert von der Disney Verfilmung des Themas mit den Füchsen. Mein Vater ging kurz vor Karneval mit mir in den Wald und machte mit mir Pfeil und Bogen. Auch hier gab es auf der Zielgraden wieder einen schlimmen Heulanfall, wir erinnern uns aber nicht mehr, warum. Ein weiteres von mir jedoch gut erinnertes Problem war, dass ich nicht mit dem Bogen schießen konnte. Heute dürfte übrigens kein Kind mehr so einen Bogen inklusive Pfeilen mit in die Kita bringen! (Aus guten Gründen. Aber ICH war damals jedenfalls keine Gefahr.)

Ein weiteres legendäres Kostum war: Der Schmetterling aus dem letzten Einhorn. Meine Vorstellungen waren abermals überaus detailreich. Meine Mutter bastelte aus Pappe riesige Flügel, die dem Original genau nachgebildet waren. Doch dann kam der Hut. Meine Mutter hatte so einen Marienkäfer-Hut besorgt. Großer Fehler! Wir mussten den Film an der Stelle mit dem Schmetterling in Slow-Play mehrmals durchgehen, denn dieser findige Falter wechselt seine Kopfbedeckung passend zu dem, was er grade sagt. Und so fand meine Mutter heraus, dass ich so einen amerikanischen Doktorhut, einen motarboard, habe wollte. Sie bastelte einen, der mich auch nicht 100% zufrieden stimmte und weitere Tränen flossen. Ihre Freundin, die ihren Sohn/ meinen besten Kindergartenfreund und mich an dem Tag zum Kindergarten brachte, fluchte wie ein Rohrspatz wegen den Flügeln, die kaum ins Auto passten. Ich erzählte meinem Kind im April diesen Jahres von dem Kostüm und es war so gespannt ein Foto zu sehen, dass wir extra zu meinem Vater fuhren und eines raussuchten. Da mein Gesicht jedoch auch wie der Schmetterling vom letzten Einhorn geschminkt war, befand das Kind, ich hätte gruselig ausgesehen und hatte Angst vor dem Foto! Alles in allem also eine bis heute in jedem Aspekt rühmliche Geschichte für mich. *hust*

Später ging ich z.B. noch als Eiskönigin. Meine Mutter und ich hatten zuerst ein wunderschönes weißes Kostüm entworfen, das mir so als reine Kleidungsidee ohne jegliches Thema eingefallen war. Als es fertig genäht war, machten wir uns erst auf die Suche danach, wen genau ich mit diesem Kostüm wohl darstellen könnte und kamen auf die Eiskönigin.

Das wohl aufwendigste Kostüm war Rosenrot, denn meine Mutter nähte dazu einen Rock mit vielen Lagen aus Satin, der den Stiel und die Rosenblüte darstellte und strickte dann noch einen passenden Pulli mit einem aufwendigen Muster.

Ich ging auch noch als Bibi Blocksberg und als Pumuckl und dazu kommt vielleicht noch das ein oder andere Kostüm, dass schon dem Abgrund des Vergessens zum Opfer fiel.

Meine Schwester trug später meine Kostüme auf und es stellte sich als Problem heraus, dass vom Kindergarten für Karneval jedes Jahr ein Thema vorgegeben wurde und meine Schwester wollte auch gern ein zum Thema passendes Kostüm. Ich war irritiert.

„Also damals, als ich im Kindergarten war, da gab es noch keine Themen zu Karneval.“ sagte ich.

„Oh doch!“ erwiderte meine Mutter. „Nur du hast dich da nicht die Bohne für interessiert. Du hattest DEIN Kostüm im Kopf und das passte NIE zum Thema. Das Thema war Wasser, du bist als Robin Hood gegangen. Hat dich null interessiert.“

Tja, dieses Detail war frühzeitig dem Abgrund des Vergessens anheimgefallen.

Tag 96: Überraschung

Manchmal bin ich immer noch überrascht, dass da dieses Kind ist, das mich „Mama“ nennt.

So als hätte ich für eine kurze Millisekunde völlig vergessen, wie sich mein Leben in den letzten sechs Jahren entwickelt hat. Eine Art Nano-Amnesie.

Dann dreht sich das Kind um, sagt „Mama, ich hab dich so lieb!“ und ich bin für den Moment völlig verblüfft. Wie konnte es dazu kommen? Ich meine: ICH? MUTTER? Welche unverantwortliche Person hat sich das ausgedacht?

Das Kind legt sich in meinen Schoß und kuschelt sich an. Ich bin geschmeichelt von diesem Vertrauen. „DAS ist ja schön“, denke ich. „Was für ein süßer kleiner Fratz“, denke ich. Ich streichle dem Kind über den Kopf. Eine Reflexgeste, die selbst Kinderlose beherrschen.

Dann rauscht die Erinnerung in mein Gehirn, wie ein ICE in den Bahnhof: Schnell, laut und auch ein wenig schmerzhaft. Gefühlte tausend Szenen erscheinen gleichzeitig vor meinem inneren Auge. Pro Millisekunde. Und weitere tausend in der nächsten Millisekunde. BÄMM! Ist alles wieder da! Ich bin wieder ganz selbstverständlich Mama. Ich sage irgendwas mütterliches und komme mir dabei doch noch etwas fremd vor. Die innere Nähe ist noch nicht wieder vollständig hergestellt. Das Wissen ist zurück, aber das Fühlen hinkt hinterher. War ich nicht eben noch selbst ganz klein und habe bitterlich geweint, weil ich meine Puppe unauffindbar in einem Museum verloren habe?

Das Eltern-Gefühl sickert langsam nach. Ich lese eine Geschichte vor. Das Kind erzählt eine Anekdote. Die Paranoikerin in mir fragt sich: „Ist das eigentlich normal, dass ich manchmal mitten in meinem Elterndasein davon überrascht bin ein Kind zu haben? Ist das vielleicht ein erstes Anzeichen von Demenz?“

Ich schaue mein Kind an. Tja, ich muss sagen, dass ich es wirklich und tatsächlich, also in der Tat und ganz in echt unheimlich dolle lieb hab. Nach so einer Nano-Amnesie fühlt sich diese Liebe viel deutlicher an. So präsent. Sie erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Ja. Wer auch immer sich das ausgedacht hat mit mir als Mutter, war vielleicht verantwortungslos. Aber ich bin so froh darüber!

Ein Kind kuschelt mit einem Dalmatiner

Ein Kind kuschelt mit einem Dalmatiner (in Rückenansicht)

Tag 95: Erinnerungen

Dank des Urlaubs mit der „Herkunftsfamilie“ kommen Erinnerungen an meine Kindheit hoch.

Heute tollte das Kind mit dem Opa rum und plötzlich krachte der Stuhl unter ihm zusammen. Einfach in der Mitte der Sitzfläche gebrochen. Es wurde niemand verletzt und nachdem dies klar war, kamen Oma und Kind aus dem Lachen kaum heraus. Ich musste daran denken, dass in unserer Familie die Sitzordnung bei Tisch immer schon sehr festgelegt war. Bei diesen Gartenstühlen geht es nicht nur um den Sitzplatz, sondern auch um das Sitzkissen. Das Kind hat das sofort begriffen und besteht renitent auf die stete Einhaltung, auch außerhalb der Mahlzeiten.

Weißer Klappgartenstuhl mit gebrochener Sitzfläche

Corpus delicti

Wenn früher Gäste zu uns nach Hause kamen, dann fragten sie meist: „Wohin darf ich mich setzen?“ Darauf hin folgte immer das gleiche Ritual. Mein Vater sagte: „Wo du möchtest. Wir haben hier keine festen Plätze.“ Setzte der Gast sich, standen die Chancen drei zu eins, dass mein Vater dann sagte: „Nein, da nicht, da sitzte ich/ sitzt meine Frau/ sitzt meine Tochter.“ Wenn der Gast Pech hatte, dann musste er noch zwei weitere Plätze auswählen, bevor er den richtigen Platz fand. Manchmal war mein Vater aber auch so gnädig, dann sofort die Gastplätze zuzuweisen. Diese Szene nahm immer ihr Ende mit einem Augenzwinkern meines Vaters, einem mehr oder weniger langem lustigen Spruch und allseitigem Gelächter. Ich weiß nicht genau, warum er das immer so machte. War er nicht da, suchten wir uns die Plätze frei aus und Gäste durften wirklich dort sitzen, wo sie wollten.

Als wir also wieder am Tisch saßen und einen anderen Stuhl für den lieben Opa herbeigeschafft hatten, erinnerte ich mich an eine andere Episode. Ich war 11 Jahre und meine Schwester etwa anderthalb Jahre alt und wir waren hier im Médoc im Urlaub. Meine Mutter und ich wollten im hauptsaisongefüllten Soulac etwas einkaufen. Meine Schwester blieb bei meinem Vater, der in ein äußerst fesches weißes Tennisdress gekleidet war. Als wir uns eine halbe Stunde später wieder trafen, waren sowohl meine Schwester, als auch mein Vater ziemlich versaut mit brauner Schmiere. Mein Vater erklärte seine missliche Situation wie folgt:

„Ich war mit ihr auf der Kirmes und hatte sie auf dem Arm. Dann hab ich so ein mit Nutella gefülltes Beignet gekauft. Ich hab es ihr hingehalten, damit sie probieren kann. Aber sie verzog ihr Gesicht. Also wollte ich das Beignet wegziehen. Doch grade dann hatte sie mit der Zungenspitze die Nutella erspürt und hat mit beiden Händen das Beignet in ihr Gesicht gedrückt.“

Joa. Das hat natürlich die Feschigkeit des weißen Tennisdress etwas konterkariert.

Tag 94: Meine Schlaftipps für’s Kind

Wer mir auf Twitter folgt, weiß dass der Schlaf des Kindes bei uns ein Dauerbrenner ist. Und nach meiner langen Krankenphase wusste ich, jetzt muss was geschehen. Es ist alles zu viel und ich merke jetzt, 6 Wochen nach Ende meiner Krankschreibung, dass ich immer noch an den Nachwehen leide und nicht komplett fit bin, so wie vor der Krankheit.

Es gibt immer wieder Verfechter vom selbstbestimmten Schlafen bei Kindern, die mich fragen, ob ich mein Kind nicht einfach ins Bett gehen lassen könne, wann es möchte. Es gibt drei Gründe, warum dies nicht möglich ist:

  1. Wir haben morgens feste Zeiten. Das Kind muss um 9 Uhr an der Kita sein, wenn es am Morgenkreis teilnehmen möchte und das möchte es in aller Regel. Ich kann trotz Gleitzeit meinen Arbeitsbeginn nicht endlos weit nach hinten verschieben. Es sind auch Menschen davon abhängig, dass ich bestimmte Arbeiten vormittags pünktlich fertig bekomme.
  2. Wenn das Kind völlig frei entscheiden kann, was wir in regelmäßigen Abständen ausprobieren, besonders weil Herr Uiuiui ein großer Fan vom selbstbestimmten Schlafen ist, dann schläft das Kind von Nacht zu Nacht weniger, ist von Tag zu Tag schlechter gelaunt und am Ende der Woche krank. Es landet in einem Kreislauf aus Müdigkeit, aus dem es selbst nicht ausbrechen kann.
  3. Das Kind braucht im Schnitt 11 Stunden Schlaf pro Nacht, um gesund und guter Laune zu bleiben. Auch hier wurde ich schon gefragt, ob das nicht zu viel sei, dass weniger reichen könnte, etc. Aber es reicht halt nicht weniger, der Schlafbedarf ist individuell und mein Kind schlief seit der Geburt viel und hat sich in den fünf Jahren von 16 Stunden auf 11 Stunden runtergearbeitet, das finde ich entwicklungsangemessen, auch wenn es damit eher an der Obergrenze ist.

Fazit: Das Kind ist zwar schon fünf, kann aber seinen Schlaf-Wach-Rhythmus noch nicht selbst regulieren und abendliches endloses Zu-Bett-Bringen und nicht Einschlafen zehrt an meinen Kräften, besonders dann, wenn ich krank bin.

Also tat ich erstmal das nächstliegende und lieh mir in der Stadtbücherei zwei Bücher zum Thema aus. So allen beware of sleep trainings zum Trotz. Ich habe dafür nur Bücher ausgewählt, die (auch) für Grundschulkinder geeignet sind. Ich dachte mir, ein Grundschulkind kann man schwerlich allein in seinem Zimmer brüllen lassen, damit es endlich pennt, also dürften die Tipps nicht zu arg sein.

Buch linke Seite: Ulrich Hoffmann „Einschlafen ist gar nicht schlimm. Mini-Meditationen für Kinder“

Buch rechte Seite: Sabine Friedrich und Volker Friebel „Einschlafen, Durchschlafen, Ausschlafen. Tipps aus der Schlafberatung für Eltern“

Es gab immer wieder Interessensbekundungen, dass ich doch mal berichten soll was sich daraus so ergibt an Infos und auch an Entwicklungen in unserem Hause. Und da das ganze jetzt einige Zeit läuft, will ich Euch jetzt an meiner neu gewonnen Weisheit (bahahahaha) teilhaben lassen. Ich kann nicht mehr genau sagen, welche Infos ich aus welchem Buch habe und was ich mir selbst so gedacht habe, auf Basis dessen, was ich früher schon gelesen habe, deshalb müsst Ihr dabei mit einem Bericht vorlieb nehmen, der nicht die Quellengenauigkeit aufweist, die ich gern habe.

  1. Es werden grob drei Arten von Schlafproblemen unterschieden:
    Zu-Bett-Geh-Probleme sind, wenn das Kind sich bereits gegen das Fertigmachen für’s Bett wehrt. Das Kind trödelt beim Essen, hört trotzt mehrfacher Aufforderung nicht mit dem Spielen auf und es kann so weit gehen, dass das Kind sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt.
    Einschlafprobleme bedeuten, dass das Kind nicht in den Schlaf finden kann. Es steht immer wieder auf, muss noch was trinken, auf’s Klo gehen, möchte doch noch eine letzte Geschichte, macht das Licht immer wieder an, kommt einfach nicht zur Ruhe.
    Durchschlafprobleme sind, wenn das Kind – ÜBERRASCHUNG – nicht allein Durchschlafen kann und zwischendurch aufsteht und ohne Hilfe der Eltern nicht wieder in den Schlaf findet.
    Wir haben den Jackpot, denn wir haben Zu-Bett-Geh-, Einschlaf- und Durchschlafprobleme. Juchuh!
  2. Schlafängste sind eine wichtige Ursache für Zu-Bett-Geh- und Einschlafprobleme. Es wird beschrieben wie sehr Kinder durch Schatten im Kinderzimmer verunsichert werden. Die Phantasie macht dann alles mögliche daraus und sie ängstigen sich sehr vor diesen Schatten. Ich kann mich auch noch erinnern, wie ich mich als Kind vor den Schatten gefürchtet habe, weshalb die Tür immer einen Spalt offen bleiben musste. Unser Kind sprach auch immer wieder von den Schatten und wie sehr es davon verängstigt wird, weshalb wir im Flur immer Licht anlassen, aber das half kaum. Die Autoren empfehlen statt die Tür einen Spalt offen zu lassen allerdings ein blaues Nachtlicht, da dieses besonders effizient gegen Schatten sei und dabei noch ein Licht ausstrahlt, bei dem man besonders gut schlafen kann. Deshalb hatte ich Diskussionen mit Herrn Uiuiui. Blaues Licht halte wach und sei schädlich. Ich habe das aber recherchiert und glaube nicht, dass diese These empirisch haltbar ist. Wach hält besonders helles Licht, insbesondere wenn es von oben kommt, die Farbe des Lichts ist nicht so entscheidend: Einerseits haben wir eh nur wenige blaue Farb-Zäpfchen und andererseits seien die Sehstäbchen, die keine Farben wahrnehmen, sondern nur Helligkeit, eh wichtiger für die Regelung des Schlaf- und Wachrhythmus. Also haben wir fortan ein recht starkes blaues Schlaflicht verwendet und ich muss sagen in unserem Fall wirkte es Wunder. Das Kind sprach nie wieder über ängstigende Schatten und fühlte sich offensichtlich viel sicherer. Man kann das Licht auch auf Grün und Weiß einstellen und dann wirkt es deutlich heller, ohne mehr Schatten zu vertreiben. Daher halte ich das mit dem blauen Nachtlicht für einen nützlichen Tipp gegen Ängste des Kindes.
  3. Eine weitere Ursache bei Zu-Bett-Geh-Problemen ist der Wunsch des Kindes nach Autonomie. Ich hab in der Folge dann viel darüber nachgedacht und meine Überlegungen auch hier schon aufgeschrieben. Sie sagen, dass Kinder gern dort Autonomie einfordern, wo es für sie besonders stark das „schon groß Sein“ symbolisiert. Und da Erwachsene selbst bestimmen, wann sie ins Bett gehen und angenommen wird, dass sie abends noch interessante Dinge machen, wie etwa fernsehen, erscheint Autonomie hier für Kinder besonders attraktiv. Gleichzeitig können sie aber häufig noch nicht selbst darauf achten, dass sie ausreichend Schlaf bekommen (wir wissen alle, wie toll die allermeisten Erwachsenen das schaffen *hust*). Ihr Wunsch nach Autonomie sei hier also häufig ausgeprägt, ihre Fähigkeit zur Selbstregulation weniger. Deshalb sei es zwischen Eltern und Kindern so ein häufiges Konfliktfeld. Die Lösungsvorschläge sind hier: Eine Übersicht anlegen und jeden Tag markieren, an denen das Kind ohne Widerstand zu Bett geht zu markieren und nach drei guten Tagen (die nicht am Stück sein müssen) darf das Kind sich ein besonderes Spiel aussuchen, das man zur Belohnung gemeinsam spielt. Ich finde es grundsätzlich eine gute Idee das zu Bett Gehen zu dokumentieren, damit man sehen kann, wie es wirklich läuft und nicht jede Partei nur ihrem subjektiven Gefühl folgt.
    Bei uns gibt es abends wenn das ins Bett Gehen glatt läuft zwei Geschichten. Wenn das Kind jedoch trödelt, dann bleibt nur Zeit für eine und wenn es sich penetrant weigert und sich mit Händen und Füßen wehrt, was auch vorkommt, dann haben wir leider keine Zeit mehr für eine Geschichte. Das Kind kann die Uhr lesen und versteht deshalb die Zusammenhänge. Dennoch muss ich gelegentlich daran erinnern, dass es grade die Vorlesezeit beschneidet. Ich bin nicht sicher, ob dies eine Form repressiver Erziehung ist, weil es so interpretiert werden kann, dass ich mit Bestrafung und Belohnung arbeite. Ich habe das Kind gefragt, wie es selbst diese Regelung wahrnimmt und es sagt, wenn die Geschichten ausfallen müssen sei dies keine Strafe. Es ärgert sich dann trotzdem sehr, wenn es keine Geschichten gibt. Wir konnten so die Probleme merklich reduzieren und deshalb werden wir daran erstmal festhalten, auch wenn es aus der Sicht mancher potentiell die Beziehung zum Kind schädigen könnte. Ein riesen Theater beim zu Bett Gehen schädigt unsere persönliche Beziehung jedenfalls mehr, als diese Regelung.
  4. Ein weiteres Problem bei uns akutes Problem, ist dass das Kind nur schwer zur Ruhe kommt. Ich denke auch das kennen viele Erwachsene und ich habe ein ganzes Bündel hilfreicher Tipps dazu bekommen. Ein guter Hinweis war, dass Kinder, genau wie Erwachsene ihren Tiefpunkt durch Bewegung überwinden können. Deshalb wird ausgeprägtes abendliches Toben von Hauptsbezugspersonen aus guten Gründen gehasst. Wir alle kennen ja den Klischee-Papi, der von der Arbeit kommt, wenn die Kinder grade ins Bett sollen, dann nochmal ausgiebig mit den Kindern tobt, weil er hatte ja den ganzen Tag nichts von ihnen und sich dann gemütlich in den wohlverdienten Feierabend vor dem TV verzieht, während die Mutter dann ihre liebe Not hat die Kinder zum Schlafen zu bekommen. Auch bei uns ist das mit dem abendlichen Toben immer wieder ein Problem, wobei das Kind nicht zwingend ein Gegenüber braucht. Das kann auch ganz allein nochmal kräftig aufdrehen nach dem Abendessen und es ist äußerst kontraproduktiv. Ich glaube das ist auch der Grund, warum für viele Kinder das Fernsehen kurz vorm Schlafen hilfreich ist, denn zwar wird es dabei dem unter wach-mach-Verdacht stehenden Licht ausgesetzt, aber es kommt zur Ruhe. Ich versuche also jetzt auch nach dem Abendessen das Toben möglichst zu unterbinden.
    Eine weitere Hilfe sind die Meditationen für Grundschulkinder, die in dem Buch von Ulrich Hoffmann empfohlen werden. Ich hatte selbst schon Meditationen gemacht, die ich im Hypnobirthing Kurs gelernt habe und ich habe auch schon zahlreiche müde machende Geschichten erfunden, aber das wirkte immer genau drei Tage. Danach fand das Kind immer einen Aufhänger an den Geschichten, um das Blut wieder in Wallung zu bringen oder es machte schlicht nicht mit. Bei den Meditationen stehen neun verschiedene zur Auswahl und es wird sehr schön erklärt, warum diese Kindern dabei helfen können zur Ruhe zu kommen. Wir haben jetzt die empfohlenen vier Wochen durch und ich ziehe eher ein ernüchterndes Fazit: Das Kind hat – seit es alle neun Mediationen kennt – nie Lust auf die Meditation und macht auch nicht mit. Aber ich bilde mir ein, dass es trotzdem beruhigend wirkt und ich werde die Meditationen auch noch eine Weile weiter machen. Vielleicht gewöhnt sich das Kind ja noch daran und findet sie dann selbst auch hilfreich.
  5. Kommen wir zum letzten und damit auch für mich persönlich wichtigsten Punkt. Er stammt aus dem Buch von Friedrich und Friebel. Dort wird erklärt, dass Menschen, also auch Kinder, ein Schlaffenster haben: Einen Zeitraum, in dem sie jeden Abend ihren Tiefpunkt haben und der am Besten geeignet ist, um einzuschlafen. Verpasst man diesen Zeitpunkt, dann dauert es ca. 90 Minuten, bis sich das nächste Schlaffenster öffnet. Bringt man das Kind jedoch vor dem Schlaffenster zu Bett, wird es unruhig sein und schwer in den Schlaf finden. Das war für uns wirklich in seiner ganzen Banalität der entscheidende Hinweis. Das erste Schlaffenster schließt sich nämlich bei unserem Kind bereits um 19:30. Wir wissen auch schon seit langem, dass das Kind ab 19 Uhr schon ziemlich müde ist. Ist es jedoch bis 19:30 nicht eingeschlafen, dann haben wir eigentlich keine Chance, dass es vor 21 Uhr einschläft. Das ist halt wirklich sehr ärgerlich, wenn das Kind um 20 Uhr im Bett liegt und ich dann häufig bis 21:20 warten musste, bis es so tief schlief, dass ich das Zimmer verlassen kann. Das letzte Schlaffenster ist dann bei unserem Kind um 22:30 Uhr, danach ist eigentlich nur noch der wache Albtraum zu erwarten.
    Ein weiteres Problem ist, dass das Kind besonders im Schlaffenster versucht mit Bewegung gegen die Müdigkeit anzukämpfen, um seine Autonomie zu erhalten. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass das Kind in den 30 Minuten vor dem Schließen des Schlaffensters schon ruhig ist, im Bett liegt und der Geschichte lauscht. Und das bedeutet: Wollen wir das erste Schlaffenster treffen, muss das Kind um 18 Uhr bereits zu Abend gegessen haben und um 19 Uhr muss es fertig im Bett liegen. Das ist für uns wirklich sehr schwer zu schaffen, denn es widerspricht unseren persönlichen Lebensrhythmen fundamental. Sowohl mein Mann als auch ich sind in Familien aufgewachsen, wo viel aktives Familienleben abends nach 19 Uhr stattfand. Bevor wir Kinder hatte, haben wir um 21 Uhr zu Abend gegessen, manchmal auch später.
    Deshalb habe ich die Idee vorerst aufgegeben. Wir versuchen im Alltag dafür zu sorgen, dass das Kind um 21 Uhr einschläft und dann muss es am nächsten Morgen für die Kita um 8 Uhr aufstehen. Das ist okay und funktioniert gut. Ich kann dann um 21:20 im Schnitt das Zimmer verlassen, weil das Kind dann tief genug schläft. In den Ferien vergesse ich es gleich ganz und wir nutzen das letzte Schlaffenster. Auch wenn wir es freitags oder samstags mal nicht pünktlich bis 21 Uhr schaffen, entspanne ich einfach und verlege mich auf das späteste Schlaffenster.
    Ich plane aber nach Weihnachten, also wenn mir die frühe Dunkelheit eh in die Hände spielt und die verdächtig zum lange Wachbleiben animierenden Feiertage vorbei sind, zu versuchen auf das frühere Schlaffenster umzustellen. Denn ab nächsten Sommer wird das Kind in die Schule gehen und dann ist es definitiv vorbei mit gemütlich um 8 Uhr aufstehen. Ich habe mir deshalb schon seit Monaten Sorgen gemacht, wie wir es fertigbringen werden mit diesen frühen Zeiten zurecht zu kommen. Aber so haben wir ein halbes Jahr Zeit für die Umstellung und müssen uns jetzt noch nicht stressen. Das nimmt mir auch eine ganz erhebliche Last von den Schultern.
  6. Zu den Durchschlafproblemen: Ich kann Euch da wenig Hilfreiches sagen, denn in den Büchern wird vorausgesetzt, dass die Kinder bereits allein in ihren Betten schlafen. Das ist bei uns aber nicht der Fall, das Kind schläft im Familienbett und das Kind kann auch einfach nicht schlafen, wenn da nicht noch ein anderer Körper ist, den es fühlen kann, wenn es in den weniger tiefen Schlafphasen ist. Auch hier hilft jedenfalls das blaue Nachtlicht schonmal etwas, aber in aller Regel vermisst das Kind mich ganz bitterlich, wenn es nachts mal wach wird und verlangt, dass ich komme. Den Stress tue ich mir auch nicht an, dass ich ein Umziehen ins eigene Bett erzwinge, denn die Idee mehrmals pro Nacht rüber zu pendeln und dort neben dem Bett zu sitzen und zu warten, bis das Kind wieder schläft, die ist für mich einfach unattraktiv. Wir hatten darüber nachgedacht uns eine Katze zu holen, damit die mit dem Kind im Bett schläft, das Kind findet diese Idee auch sehr gut, aber wegen meiner Katzenallergie haben wir davon abgesehen.

Damit habe ich Euch jetzt meine erlesenen Informationen und Erfahrungen zusammengefasst. Bei Rückfragen oder wenn Ihr eigene Erfahrungen schildern wollt, dann freue ich mich sehr über Kommentare.

Ganz liebe Grüße

Eure Esther

Tag 93: Autonomie

Ich habe vor einiger Zeit das Buch „Homo Hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“ von Martin Grundwald gelesen. Das Buch ist am 01.09.2017 als gebundene Ausgabe erschienen.

Es wird allenthalben gesagt, dass Babys auf die Welt kommen und sich in einer Art Symbiose zu ihren Bezugspersonen erfahren, dass sie ihr eigenes Selbst nicht von dem ihrer Eltern trennen können. Dieses Buch hat mich an der Richtigkeit dieser These zweifeln lassen. Ich kann gar nicht sagen, dass ich das Buch durch und durch überzeugend finde, aber interessant finde ich, was er zur embrionalen Entwicklung schreibt und dazu, wie die Entwicklung des Tastsinns mit der Fähigkeit sich (als) Selbst zu erfahren, zusammenhängt. Das Tastsinnessystem ist äußerst komplex und entwickelt sich im Uterus (aber auch evolutionsgeschichtlich) vor allen anderen Sinnen. Die Fähigkeit den eigenen Körper zu spüren, ist die Grundlage für die Empfindung des Selbst. Was Grundwald meiner Ansicht nach verdeutlicht, ist dass das Baby bei seiner Geburt durchaus schon sich selbst empfindet und sich nicht als Symbiont seiner Mutter fühlt.

Seien wir mal ehrlich: Diese Idee der Symbiose, die das Baby mit der Mutter empfindet, denn meist wird da ja die Mutter als zweiter Symbiont genannt, ist abstrakt, sie ist ein Konzept, eine Idee, mit der wir versuchen uns zu erklären, wie ein Baby sich und die Umwelt wahrnimmt, wie es denkt und fühlt. Schauen wir uns konkrete Babyforschung an, dann sehen wir, wie ausgesprochen schwierig es ist darüber mehr herauszufinden. Und es deuten viele Anzeichen darauf hin, dass Babys schon viel mehr viel früher können, als wir es häufig annehmen.

Auf dieser Basis habe ich angefangen zu überlegen, was das semantische Feld von kindlicher Autonomie alles umfasst. Denn sich aus der Symbiose herauszulösen und als eigenständiger Mensch zu begreifen, ist doch der Kern der sogenannten Autonomiephasen, oder irre ich da? Aber die Idee der kindlichen Autonomie wird in verschiedenen Kontexten genutzt und da halte ich es für mich persönlich nützlich, mir mal einen groben Überblick zu schaffen:

  1. Fähigkeiten:
    Wenn das Kind neue Fähigkeiten lernt, dann ist dies ein Zugewinn an Autonomie. Dies ist besonders offensichtlich bei motorischen Fähigkeiten. Selbst greifen, sich fortbewegen können, erweitert die selbstständige Zugänglichkeit der Welt. Krabbeln, Laufen, Fahrradfahren, etc. sind Möglichkeiten sich eigenständig von seinen Bezugspersonen zu entfernen.
    Aber auch Sprechen ist eine motorische Fähigkeit, sowie eine intellektuelle Fähigkeit. Auch sie gibt dem Kind quasi unendliche Möglichkeiten sich von den Bezugspersonen unabhängig zu machen und sich im sozialen Gefüge einen eigene Platz zu suchen. Eher kognitive Fähigkeiten bieten ein hohes Potential für Selbstständigkeit, wie es etwa das Planen von zukünftigen Handlungen ist. Für ein fünfjähriges Kind ist eigenverantwortlich zum Bäcker zu gehen (Danke an Mo für dieses Beispiel) schon eine planerische Höchstleistung und dies steigert sich bis zur heute geforderten Weitsicht und Umsicht auf Jahre im Voraus zu planen, inklusive der Abwägung allerhand Risiken und Chancen, die damit verbunden sind.
    Ein weiterer Bereich sind emotionale Fähigkeiten: Sich selbst beruhigen, alleine Einschlafen zu können, sich Coping Strategien für Stress anzueignen, die sozialverträglich sind, etc.
  2. Wille:
    Mir scheint, dass die Fähigkeit von seinen Bezugspersonen unabhängig agieren zu können, nicht immer mit dem Wunsch einhergeht, diese Möglichkeit auch tatsächlich zu nutzen. Da kann man argumentieren, dass das Kind sich noch nicht lösen möchte, weil es eben doch noch nicht alle Fähigkeiten hat, die dafür nötig sind. Das kann ein sinnvoller Hinweis sein.
    Anderseits kommt es aber auch häufig vor, dass Kinder in einem Bereich unabhängig sein möchten, obwohl sie die dafür erforderlichen Fähigkeiten noch nicht erworben haben. Da kann man jetzt wieder argumentieren, dass sie diese Fähigkeiten nur erlernen können, wenn ihnen die Unabhängigkeit zugestanden wird, es so lange auszuprobieren, bis sie es können. Auch das ist ein guter Hinweis.
    Ich finde diese Argumentationen nur dann problematisch, wenn sie dazu führen, dass kein Wille des Kindes unabhängig von seiner Entwicklung beziehungsweise von seinem Entwicklungspotential bestehen kann. Ich denke: Ein Kind kann bestimmte Dinge in jeder Hinsicht können, die Fähigkeiten sind also auf allen Ebenen vorhanden, und sie trotzdem nicht machen wollen, egal wie viel Unabhängigkeit es dadurch gewinnen könnte. Im Sinne von „echter vollumfänglicher freier Wille“.
    Jetzt kann man wieder argumentieren, dass dies doch nie irgendjemand tut. Nur wenn wir zuweilen gemeinsam darüber rätseln warum ein Kind diese und jene konkrete Fähigkeit nicht nutzt, dann fällt mir häufig auf, wie sehr der Schwerpunkt der Argumente liegt auf: „Das kann es doch noch nicht so ganz, obwohl es den Anschein macht“. Sind wir im Bereich des kindlichen Willens, dann riecht es verdächtig nach repressiver Pädagogik und wir fühlen uns vielleicht sicherer, wenn wir eine entwicklungspsychologische Rechterfertigung für das kindliche Verhalten annehmen. Ich zweifle daran, ob dies dem Kind gegenüber tatsächlich immer so fair und angemessen ist, im Vergleich dazu den freien Willen des Kindes als genau solchen anzuerkennen. Das ist sicherlich im Einzelfall zu entscheiden, aber ich möchte mir die Möglichkeit offen halten, dass mein Kind einfach bestimmte Dinge (manchmal) nicht möchte, obwohl es das könnte, weil es das so entschieden hat.
  3. Gesellschaft:
    Wir leben unbestritten in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Im Grunde ist keiner von uns vollständig autonom, wir sind alle abhängig von unheimlich vielen anderen Menschen, damit unsere Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden können: Da ist diese globale Infrastruktur, die uns mit vielfältigen Produkten und Dienstleistungen versorgt, dazu der weite und wenig beachtete Bereich der privaten Tätigkeiten, wie etwa Care Arbeit.
    Kinder lernen in der Regel zuerst Fähigkeiten, die eine grundlegende körperliche Unabhängigkeit ermöglichen: Laufen, Sprechen, An- und Ausziehen, auf Toilette gehen, sich selbstständig in der Öffentlichkeit bewegen zum Beispiel. Aber schon sehr früh lernen sie auch, dass eben nicht jede*r alles kann bzw. tut. Sie lernen was Berufe sind und sie lernen, dass durchaus nicht alle Tätigkeiten gleich hoch bewertet werden von ihrer sozialen Umwelt und/oder der Gesellschaft. Sie lernen, dass nicht alle Tätigkeiten für die Art von Mensch, als die sie angesehen werden oder angesehen werden wollen, als angemessen gelten.

Im Kontext dieser Überlegungen finde ich es zum Beispiel etwas naiv, wenn davon ausgegangen wird, dass Kinder Hausarbeit irgendwann einfach ganz von selbst übernehmen werden, wenn die Eltern nur alles „richtig“ machen, in dem sie etwa die Kooperationsbereitschaft des Kindes nicht untergraben. Mein Kind lebt zurzeit noch in einer Umwelt, in der Hausarbeit einen hohen Stellenwert hat. Es kann mich nicht beim Arbeiten im Büro beobachten, aber es kann uns bei der Hausarbeit beobachten und auch in der Kita haben Aufgaben wie Aufräumen und Putzen noch einen gewisse Bedeutung. Deshalb finde ich es äußerst problematisch, dass mein Kind in der Kita zur Strafe für Unfug machen aufräumen und putzen muss, denn der Weg zur unbequemen Pflicht ist damit geebnet.

Kleinkinder und auch jüngere Kinder sind oft fasziniert von Hausarbeit, sie wollen saugen und putzen, weil sie es aus ihrem unmittelbaren Leben kennen, die Geräte toll finden und sowieso gern mit Wasser hantieren. Mein Kind liebt es seit Jahren das Badezimmer zu putzen. Da wird mit dieser tollen Sprühflasche gearbeitet, die verkalkten Stellen kann es mit Zitronenscheiben bearbeiten, der quatschige Schwamm und der Feudel mit dem Wischeimer, das ist das reinste Spielparadies. Auch das Aus- und Einräumen der Spülmaschine ist ein Spaß, der mich schon etliche Nerven gekostet hat, weil wenn dann doch was kaputt geht, ich sag es Euch, dann kann es seeeeehr lange dauern die ganzen Scherben aus der Spülmaschine zu fischen. Durch das Ausführen der Haushaltstätigkeiten wird unser Kind zu einem vollwertigen Mitglied in unserem Haushalt. Es scheint eine Win-Win Situation zu sein.

Aber ich werde den Tag nicht vor dem Abend loben, denn je älter unser Kind wird, umso mehr wird es bemerken, wie gering der Stellenwert von Hausarbeit in unserer Gesellschaft ist und dann wird es auf Basis seines freien Willens eigene Entscheidungen darüber treffen, ob es dabei helfen möchte, oder nicht.

Und ich könnte mich jetzt im Moment, in einer Zeit in der mein Kind noch freiwillig viel im Haushalt hilft, beruhigen und sagen:

Weil ich so toll mein Kind zu einem empathischen Menschen erziehe, wird es ganz bestimmt niemals aufhören im Haushalt zu helfen. Und wenn es doch mal nicht helfen möchte, dann wird es ganz sicher in dem Moment die Fähigkeiten Hausarbeit zu übernehmen einfach nicht haben, weil es grade andere Entwicklungsschritte durchmacht, andere Probleme hat oder überhaupt irgendwas anderes ist, weil irgendwas ist ja immer irgendwie. Wir kennen das ja alle und es sind doch Kinder, oder? Ja und dann werde ich klaglos die dreckige Wäsche vom Kinderzimmerboden einsammeln, die Kinder-Jacke an den Haken der Kindergarderobe hängen, die Teller vom Kind in die Spülmaschine bringen und die leeren Verpackungen, die es achtlos auf den Boden fallen ließ, in den Abfall werfen. Und irgendwann, dann schlägt die Empathie des Kinder wieder zu und dann kommt alles wieder und es wird ganz toll im Haushalt helfen.

Vielleicht kommt es ja wirklich so. Ich kannte Kinder, die so waren. Denen die Wünsche und Hoffnungen ihrer Eltern so wichtig waren, dass sie sich da wie von selbst einfügten. Ohne groß zu Meckern und zu Jammern. Ich kannte auch Kinder, die ihre Liebe zur Hausarbeit bald nach einer kurzen rebellischen Phase wiederentdeckten und sich seitdem vollwertig einbrachten: kochten, den Tisch deckten und sogar Wäsche falteten und putzten. Ich kenne Kinder, die auf Grund von Notwendigkeiten in der Familie große Teile der Hausarbeit übernahmen, ich kenne welche, die das taten, weil die Eltern darauf bestanden und ich kenne welche, die von ihren Eltern wie eine echte Putzkraft dafür bezahlt wurden. Ich kenne auch Erwachsene, die als Kinder von ihren Eltern lernen wollten, wie Hausarbeit funktioniert und deren Eltern keine Lust hatten, sich diese Mühe zu machen. Aber meiner begrenzten Erfahrung nach verinnerlichen doch mehr als genug Kinder, dass Hausarbeit einen Dreck wert ist in unserer Gesellschaft und sie sind einfach nur froh, wenn sie davon verschont bleiben.

Ich spare mir also meine Vermutungen darüber, wie mein Kind sich in Punkto Hausarbeit entwickeln wird. Denn ich habe vieles nicht in der Hand. Ich kann zwar jetzt die Kita Erzieherinnen ins Gebet nehmen, weil sie der Meinung sind, dass sie mein Vorschulkind mit Hausarbeit bestrafen können, aber was daraus wird, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, was die jetzigen und die zukünftigen Freundinnen und Freunde meines Kindes über Hausarbeit sagen werden. Ich weiß nicht welche Geschichten in den nächsten Jahren erzählt werden in den verschiedenen Medien, die mein Kind gut finden wird und welches Bild dort von Hausarbeit gezeichnet werden wird.

Man kann mir gern sagen:

Aber warum so pessimistisch? Geh doch einfach erstmal optimistisch davon aus, dass dein Kind weiterhin gern Hausarbeit machen wird, wenn du es nicht selbst versaust.

Dann würde ich antworten:

Ich gehe sehr gern optimistisch davon aus, dass mir sowohl mein eigenes Verhalten, wie auch das Verhalten von vielen anderen Menschen in die Hände spielen wird und dass mein Kind später Entscheidungen zum Thema Hausarbeit trifft, die mir entgegenkommen. Aber ich tue dies nicht, ohne anzuerkennen, wie schwierig sich diese ganze Unternehmung gestaltet. Denn für mein Empfinden ist ein Ausblenden der anderen Faktoren respektlos gegenüber Eltern, die aktuell Schwierigkeiten haben ihre Kinder sinnvoll und friedlich in die anfallenden häuslichen Aufgabenbereiche einzubinden. Und wenn Euch dieser Respekt zu pessimistisch vorkommt, dann liegt eben eine handfeste Meinungsverschiedenheit vor. Lasst uns gern darüber reden.

Die Frage wie ich selbst eine angemessene Aufteilung von Haushaltspflichten auch mit einem größeren Kind verwirklichen kann, die stelle ich mir schon seit langem. Schon Jahre bevor ich mein Kind bekam, habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Ich habe mir bereits verschiedene Strategien überlegt und bin immer wieder dankbar für Ideen und Impulse verschiedenster Art. Dass es sich irgendwie von selbst regelt, halte ich für einen problematischen Ansatz, weil das ein typischer Gedanke ist, der sich für Hausarbeit als einer privaten Tätigkeit entwickelt hat und über eine gewisse diskursive Dominanz verfügt, die vielfältige Auswirkungen hat. Dazu habe ich noch sehr viele zukünftige Beiträge geplant, aber diesen Aspekt wollte ich heute mal verbloggen, grade weil er wegen meiner Lese-Erfahrung mit Homo Hapticus sich so in den Vordergrund meines Denkens drängte.